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Größtes Reisemagazin der Schweiz
7 Seiten | Text & Fotos Malte Clavin
Rodin, Riesling und eine schlafende Ophelia
Breite Alleen, jacarandablaue Vorgärten, Kirchturmspitzen aus honigfarbenem Sandstein an vielen Ecken – Adelaide trug einmal den Beinamen „Stadt der Kirchen“. Als einzige Großstadt der Welt liegt sie vollständig eingerahmt von einem Grüngürtel aus Parklandschaften – ein grünes Korsett, das der Stadtgründer Colonel William Light 1836 per Planung verordnete.
Wir betreten die Art Gallery of South Australia. Drinnen sticht sofort Der Denker von Rodin ins Auge. Das ist kein Zufall: Die Galerie beherbergt mit über zwanzig Bronzen die bedeutendste Rodin-Sammlung der südlichen Hemisphäre.
Moderne Sitzobjekte, verchromte Skulpturen, rosafarbene Wände – Kuratorenkunst in in der Art Gallery of South Australia, die Grenzen auflöst.
Aber das Besondere an der Art Gallery ist das, was das Kuratorium mit dieser Sammlung macht: Konfrontation. Rodin wacht neben zeitgenössischer Aboriginalkunst. Britische Kolonialporträts hängen über asiatischen Keramiken.
Dann strömt glutrotes Licht durch einen Torbogen: eine Installation aus verchromten Skulpturen vor rosafarbenen Wänden. Das Kuratorium stellt nicht aus. Es wirft Exponate aus mehreren Jahrhunderten und Epochen in einen Raum zusammen.
Noch liegt Tau auf den Wegen
Am nächsten Morgen im botanischen Garten: Noch liegt Tau auf den Wegen. Ein Australischer Weißer Ibis gleitet lautlos über den Teich. Im Schilf watschelt ein Papua-Teichhuhn – seine rote Stirnplatte leuchtet wie frisch lackiert.
Dann ein Baum, den ich nicht einordnen kann. Schefflera actinophylla, lese ich auf dem Schild – Queensland-Schirmbaum. Seine Fiederblätter, jedes einzelne so breit wie ein ausgestreckter Arm, spreizen sich nach allen Seiten und spannen grüne Blätterdächer weit über unseren Köpfen.
Ein ca. 15 Meter hoher Queensland-Schirmbaum. Seine fingerförmig angeordneten Fiederblätter formen natürliche Schirme – daher der Name.
Daneben eine Minni-Ritchi-Akazie, deren Rinde sich in filigranen Kupferspiralen vom Stamm schält. Den Kaurna-Ureinwohnern Adelaides diente diese weiche, eingerollte Rinde als Polstermaterial und Zunder.
Am Nachmittag führt uns Guide Katina Vangopoulos durch die Straßen. In der Anster Street bleibt sie vor einer Backsteinwand stehen.
Schicht für Schicht wächst einem ein Heer entgegen: Roboterkrieger in Schutzmontur, Figuren mit Gasmasken-Visieren, jede Silhouette messerscharf aus Spray geschnitten – ein Werk der Toy Soldiers Crew featuring Fred Rock, das aus nacktem Mauerwerk eine bunte Kriegschronik macht.
In der Vardon Avenue schläft Ophelia auf einer Mauer
Weiter, in der Vardon Avenue, schläft Ophelia auf einer Mauer so groß wie eine Hauswand, die Augen geschlossen, das Haar im Wasser treibend, umgeben von Seerosen. Jimmy C hat drei Tage und Tausende übereinandergelegte Sprühpunkte gebraucht, um Shakespeares Tragödin hier auf Backstein zu verewigen.
Vardon Avenue, Adelaide: Ein Passant streift an Jimmie C’s Ophelia vorbei – Shakespeares schlafende Tragödin, eingebettet in Seerosen.
Dann die Rundle Mall. Vor uns die Mall’s Balls – zwei überlebensgroße, hochglanzpolierte Edelstahlkugeln, aufeinandergestapelt vier Meter hoch. Bert Flugelman entwarf sie 1977 eigens für diesen Platz.
Flugelman wollte, dass Menschen sie anfassen. Dass Kinder sie bekleckern. Dass sie ins Treiben der Mall hineinwachsen. Und genau so ist es.
„Meet me at the balls“ – seit fast fünfzig Jahren
Ein Großvater spielt mit seinem Enkelsohn Fangen um die glänzenden Kugeln herum, beide lachen, beide spiegeln sich im Stahl. „Meet me at the balls“ – seit fast fünfzig Jahren die Verabredungsformel, mit der Adelaidiner einander finden.
Am Abend, beim Negroni im Fugazzi in der Leigh Street, zieht Adelaide noch einmal an Annette und mir vorbei. Doch das Land dahinter – das ungeformte, weite, wilde – hat bisher noch nicht gesprochen. Morgen nehmen wir die Fähre nach Kangaroo Island. Und dann beginnt das andere Australien.
Ein Kind rennt auf die „Mall’s Balls“ zu – Adelaides meistfotografierte Skulptur in der Rundle Mall. Die verspiegelten Kugeln sind seit 1977 Treffpunkt, Wahrzeichen und Spielplatz zugleich.
Gondwanas Atem
Einpark-Tetris. Anders lässt sich die Szenerie am Fähranleger Cape Jervis kaum beschreiben. Dutzende Autos rollen rückwärts in den Bauch der Sealion 2000 bis kaum noch ein Spalt übrig ist. Nach einer Stunde Überfahrt spuckt die Fähre alles wieder aus, auch unseren Mietwagen. Welcome to Kangaroo Island!
Australiens drittgrößte Insel – ein Paralleluniversum
Dann Schafe auf sattgrüner Weide, windgeformte Eukalypten, dahinter schimmerndes Meer und eine Stille, die man fast hören kann. Kangaroo Island ist knapp 4.400 Quadratkilometer groß, damit Australiens drittgrößte Insel – und gleichzeitig so etwas wie ein Paralleluniversum.
Kangaroo Island: Schafe auf sattgrüner Weide, windgeformte Eukalypten, dahinter schimmerndes Meer – Stille, die man fast hören kann.
Matthew Flinders setzte am 22. März 1802 als erster Europäer Fuß auf das damals unbewohnte Land. Der 28-jährige Kapitän und seine ausgehungerte Crew machten Jagd auf Kängurus, nach denen er dann die Insel benannte.
Beide wollten die Küste kartieren, keiner wusste vom anderen
Sechs Wochen später trafen Flinders und der französische Kapitän Nicolas Baudin auf offener See aufeinander. Beide hatten die unbekannte Küste kartieren wollen, keine wusste vom anderen.
Das Treffen war friedlich, die Aufteilung der Ortsnamen auf der Insel bis heute sichtbar: halb englisch, halb französisch. Cape du Couedic. Vivonne Bay. Admirals Arch.
Adam Houchin wartet am nächsten Morgen vor der Unterkunft Sea Dragon. Der ehemalige Lastwagenfahrer und Footballcoach ist unser Guide für den Tag.
Kangaroo Island, Sea Dragon: Abendsonne taucht Akazien in goldenes Licht – dahinter Küstenhügel, stilles Meer.
„Keine Ampeln auf der Insel, keinen Kreisverkehr“, sagt er, „keine Füchse, Kaninchen, Dingos, Kröten.“ Eine kurze Pause. „Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist es aber nicht.“
Er hat recht. Was auf dem australischen Festland an Schädlingen und eingeschleppten Räubern das Ökosystem zerfressen hat, fehlt hier: ein Glücksfall der Geografie: Als der Meeresspiegel nach der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren stieg, wurde die Insel vom Festland abgeschnitten – und mit ihr ein intaktes Stück Australien. Rund ein Drittel der Fläche steht heute unter Schutz.
Plötzlich bremst er hart. „Ein Ameisenigel! Da, im Busch!“ Aufregung im Auto.
Ein Geschöpf wie von einem anderen Stern
Tatsächlich: Ein Exemplar wühlt sich durch trockenes Laub, seine cremegelben Stacheln – modifizierte Haare, bis zu sieben Zentimeter lang – glänzen in der Morgensonne. Das Tier watschelt mit dem steifen, reptilienartigen Gang von Bein zu Bein, ein Geschöpf wie von einem anderen Stern.
Kangaroo Island: Ein Kurzschnabeligel – goldbraune Stacheln, kleines Knopfauge, stoische Miene. Einer der letzten eierlegenden Säugetiere der Erde.
Ameisenigel sind Monotremen: Säugetiere, die Eier legen. Gemeinsam mit dem Schnabeltier sind sie die einzigen lebenden Vertreter dieser Gruppe.
Keine Zähne, dafür eine klebrige Zunge, bis zu 17 Zentimeter lang – Namensgeberin der Gattung Tachyglossus – griechisch für schnelle Zunge. Die Körpertemperatur liegt bei nur 31 bis 32 Grad Celsius, deutlich unter allen anderen Säugetieren. Ein Lebewesen zwischen den Welten – halb Reptil, halb Säuger.
Auf Deutsch wurde noch kein passender Name gefunden
Weiter. Am Straßenrand wächst eine Pflanze, die auf den ersten Blick wie eine Palme aussieht, bei näherer Betrachtung aber älter wirkt als alles andere ringsum. Xanthorrhoea semiplana – auf Englisch Grass Tree, auf Deutsch wurde noch kein passender Name gefunden.
Manche Exemplare sind dreihundert Jahre alt, erklärt Adam, wachsen dabei kaum einen Zentimeter pro Jahr. Der Blütenspieß aber, wenn er steil nach oben austreibt, legt einen Zentimeter täglich zurück und kann sechs Meter hoch werden.
Kangaroo Island: Eucalyptus cneorifolia wölbt sich zu einem natürlichen Tunnel.
„Die Pflanze braucht tatsächlich Feuer, um zu blühen. Es ist ihr Startsignal.“, kommentiert Adam. Aus den alten Blättern, die wie ein Rock um den Stamm hängen, lässt sich ablesen, wie lange der letzte Brand zurückliegt.
In einer Eukalyptusgruppe hängt ein Koala in der Astgabel, schlafend. Dann blinzelt er und schaut dabei etwas griesgrämig aus.
1926 wurden 18 Tiere auf der Insel ausgesetzt, danach explodierten die Bestände auf über 65.000. Im Sommer 2019/20 kamen die Feuer und brannten fast die Hälfte der Insel nieder: 211.000 Hektar, 87 Häuser, 60.000 Nutztiere.
82 Prozent der Inselpopulation verloren in den Flammen ihr Leben
Zwei Menschen fielen den Flammen zum Opfer, ein Nationalpark wurde zu 96 Prozent zerstört. Etwa 39.000 Koalas – 82 Prozent der Inselpopulation – verloren in den Flammen ihr Leben. Inzwischen sind die Bestände wieder auf über 15.000 Tiere angewachsen.
Nachmittags: Remarkable Rocks. Granitbrocken, manche so groß wie ein Haus, 60 Meter über dem Südlichen Ozean aufgetürmt.
500 Millionen Jahre haben Wind, Salz und Regen an ihnen gearbeitet – sie aus dem Urgestein des einstigen Superkontinents Gondwana herausgeschält und in Formen gezwungen, die kein Bildhauer erfunden hätte.
Kangaroo Island: Die Remarkable Rocks – vom Wind und Salzwasser über 500 Millionen Jahre in bizarre Formen gemeißelt. Annette darunter setzt den Maßstab.
Schwarze Xenolithe stecken wie Fremdkörper im hellen Granit, orangefarbene Flechten breiten sich über die Oberflächen aus. Einige Felsen haben Höhlen, man kann hindurchkriechen.
Annette stellt sich in eine dieser Schalen, pfeifender Wind reißt ihr die Haare aus dem Gesicht. Manche der Felsen sehen tatsächlich aus wie Tauchboote aus einem wilden Salvador-Dalí-Gemälde.
Letzter Halt: Seal Bay. Drei etwa fünf Monate alte Australische Seelöwen rollen sich eine Düne hinunter, beißen sich gegenseitig ins Fell, kuscheln, toben, schnuppern. Die Mütter liegen in einiger Entfernung, scheinbar desinteressiert.
Zwölf Minuten die Luft anhalten, 275 Meter tief
Die Tiere sind vom Aussterben bedroht: Weltweit gibt es noch rund 12.000 dieser Seelöwen, etwa 800 leben hier. Ausgewachsene Männchen tauchen bis zu 275 Meter tief und können zwölf Minuten die Luft anhalten.
Die Jungtiere dagegen dösen im Sand, beäugen uns, rollen wieder die Düne hinunter. Adam schaut ihnen nach. „Haha, das ist mein Spirit Animal“, sagt er. „Den ganzen Tag fischen, spielen, im Sand herumtollen!“
Känguru-Nachwuchs reckt Kopf und Vorderpfoten aus dem mütterlichen Beutel, die Erkundung der Welt beginnt.
Zurück zur Unterkunft fahren wir durch ein Abendlicht, das alles in Honigfarben taucht. Kängurus stehen am Straßenrand, zwei Schwarzschwäne führen Küken durch ein Schilf.
Die Evolution treibt hier auf kleinem Raum ein irrwitziges Spiel
Und Duncan vom Tourism Office in Adelaide klingt jetzt schon etwas anders: Ein Kontinent, der so tut als wäre er ein Land. Hier, auf dieser Insel ohne Fuchs, Hase, aber mit Ameisenigel, Urzeitfelsen und sturmgepeitschtem Meer scheint die Evolution auf kleinem Raum ein irrwitziges Spiel zu betreiben. Seit 500 Millionen Jahren.
Türkisfarbenes Wasser zeichnet die Bucht nahe Cape Willoughby nach, während salziger Wind übers Grasland fegt.
Hüter des Atems
McLaren Vale: Hügel wie sanfte Wellen, bedeckt von Weinreben in Herbstrot und -gold, dazwischen schlanke Goldcrest-Zypressen, die im Wind schwanken. Der Weg von der Insel zurück ins Landesinnere führt uns zum Salopian Inn.
Ein Landgut aus dem Jahr 1851
Ein Landgut aus dem Jahr 1851 mit hellem Sandstein, Kletterpflanzen über der Fassade und knapp 3.000 Quadratmetern biologisch bewirtschaftetem Garten hinter dem Restaurant.
Oliver Budack empfängt uns. Sommelier, seit dreißig Jahren in Australien. „Ihr trinkt heute einen Fiano von Paralian“, sagt er und kredenzt uns zwei gefüllte Weißweingläser. „Ein ganz toller Produzent aus dem Tal. Das wird euch gefallen.“ Wir trinken, lächeln und können nicht anders als ihm zustimmen.
Das Salopian Inn, McLaren Vale; von links nach rechts: Oliver Budack, Sommelier und Restaurantleiter, sowie die Restaurant-Managerinnen Sarah und Bec.
Was dann auf den Tisch kommt, wächst größtenteils nur ein paar Meter entfernt: Salopian Dumplings mit Schweinefleisch, Ingwer und eingelegtem Kohl, dann gegrillter Spargel mit Chermoula und Tahini, schließlich eine Coorong-Meeräsche aus jenem Gewässer südlich des Lake Alexandrina, wo Süß- und Salzwasser ineinanderlaufen. Die Natur diktiert, was gekocht wird. Und es schmeckt genial.
Zwei Tage später und 192 Kilometer weiter: das Clare Valley. Der Weg hierher ist eine weitere Überblendung: erst fette Rapsfelder in Chromgelb, dann sanftere Hügel, Rieslingweinstöcke in akkuraten Reihen, die Luft kühler und trockener.
Warrick ist der Dirigent und bespielt uns mit zehn Gängen
Warrick Duthy vom Watervale Hotel betreibt hier seinen Chef’s Table: zehn Gäste aufgereiht an einer langen Theke direkt an der offenen Küche. Warrick ist der Dirigent des Abends, bespielt uns mit zehn Gängen samt Anekdoten dazu.
Im Penobscot Restaurant entfaltet sich hinter Kupfertöpfen und Flammen das Theater der Küche. Chef Warrick Duthy führt seine Gäste durch ein 10-Gänge-Menü.
Das Clare Valley, sagt er, ist geologisch so divers wie kaum eine andere Weinregion Australiens. Diese Vielfalt unter den Reben erklärt den Weltruf des hiesigen Rieslings: für Experten eine Spannung zwischen Mineralik und Frucht, die nirgendwo sonst so entsteht.
Nach dem fünften Gang schlägt Warrick einen vertrauten Ton an: „Die Ngadjuri-Ureinwohner kamen jeden Oktober und November hier ins Tal. Die Keepers of the Breath nannten sie sich.“ Er wartet kurz. „Das Valley war voll mit Wasser, das Klima gut. Sie kamen, um hier zu gebären. Sie sahen sich nicht als Besitzer des Landes, sie waren die Hüter.“
Nach dem letzten Teller schweben Warricks Worte über dem Tisch
Es folgen rohe Gelbschwanzmakrele in Limetten-Ölsud. Halloumi mit Pfirsich. Entenbrust auf Blumenkohl-Püree, daneben Känguru-Schwanz-Konfit und eingelegte Quandong-Frucht. Der Abschluss: fermentiertes Orangensorbet auf Schokoladencrumble. Nach dem letzten Teller schweben Warricks Worte noch lange über dem Tisch.
Am nächsten Morgen, Jesuiten-Siedlung Sevenhill. Ein Pater aus Wien trug 1848 einen Auftrag in dieses Tal: Seelsorge für deutschsprachige Katholiken, die sich unter den lutherischen Preußen in der Siedlung Tanunda unwohl fühlten. Pater Aloysius Kranewitter war begeistert vom hügeligen, fruchtbaren Gelände – und benannte die Siedlung nach den sieben Hügeln Roms.
Ein Australscharlachschnäpper (Petroica boodang) spreizt sein karminrotes Brustgefieder im Morgenlicht. De kleinste Fliegenschnäpper Australiens wartet reglos auf Beute.
Um die Kirche herum herrscht stilles Treiben: Ein Rotlappen-Honigfresser verharrt reglos auf einem morschen Eukalyptusast. Ein Flötenkrähenstar sitzt im Profil auf einem Zaunpfahl – jene Vögel, die gelernt haben, giftige Aga-Kröten umzudrehen und nur die ungiftigen Teile zu fressen.
Im Garten trinkt ein Vogel, den ich als Moschuslorikeet identifiziere, hastig Nektar aus blühenden Schönmalven. Und dann, zwischen flechtenüberzogenen Ästen: ein gelb-blauer Pennantsittich, so leuchtend, dass ich kurz denke, jemand hätte ihn dort als Dekoration hingehängt.
Ein Land, das man nicht wirklich besitzen kann
Draußen im Weinberg, die Sonne jetzt hoch, denke ich an die Ngadjuri, die das Tal nicht besaßen, aber hüteten. An Warricks Satz über die Hüter des Atems. Südaustralien ist ein Land, das man nicht wirklich besitzen kann, denke ich. Morgen fahren wir noch tiefer hinein.
Ein Pennantsittich (Platycercus adelaidae) leuchtet gelb und blau zwischen flechtenüberzogenen Ästen der Jesuiten-Siedlung „Seven Hills“.
Stein, Salz, Stille
Der Abend beginnt mit Emus. Zwölf Exemplare durchstreifen das ockerbraune Grasland östlich von Hawker. Damon Lawson, unser Guide, hält an. „Der Emu ist der größte Vogel Australiens und nach dem Afrikanischen Strauß der zweitgrößte lebende Vogel der Welt.“
In der Stille denke ich an das Wort Dadirri
Die Tour führt weiter zu einem Aussichtspunkt auf die Flinders Range im Abendlicht. Schichtgestein faltet sich in ockergelben und sienaroten Wellen gen Horizont, als hätte eine gewaltige Hand den Kontinent zusammengeschoben. Zwei Galahs picken zwischen vertrockneten Grasbüscheln nach Samen, ihre rosafarbenen Hauben leuchten im Sonnenlicht.
Schichtkuchen aus Sandstein und Zeit – Die Sonne taucht die Flinders Ranges in ockergelbe und sienabraune Streifen – gesprenkelt mit dunklen Tupfern vereinzelter Eukalypten.
In der Stille, die über diesem Abend liegt, denke ich an das Wort Dadirri – ein Begriff aus einer Sprache des australischen Nordens, der ins Deutsche nicht übersetzt werden kann: das tiefe, innere Zuhören, die stille Wahrnehmung der Natur, die über bloßes Beobachten hinausgeht. Vielleicht ist das der Grund, warum ich gerade nicht so viel reden mag.
Pilot Aidan Fry startet die Cessna 210N
Pilot Aidan Fry startet die Cessna 210N. Wilpena Pound zuerst. Von unten sieht es aus wie eine Bergkette. Von oben offenbart sich die Wahrheit: ein natürliches Amphitheater von 80 Quadratkilometern, 17 Kilometer lang, 8 Kilometer breit, der Boden 180 Meter höher als das Umland, die Wände aus hartem Rawnsley Quartzit.
Wilpena Pound: Sedimentschichten stapeln sich in ockerfarbenen, rostbraunen und violetten Bändern zu einem amphitheatergleichen Krater – eine steinerne Schale im ausgedörrten Outback.
Die Adnyamathanha, die traditionellen Hüter dieser Berge, nennen es Ikara – Treffpunkt. In ihrer Traumzeit formten zwei ineinander verschlungene Riesenschlangen, die Akurra, die Wände des Pounds auf ihrer Reise aus dem Norden. Geologen mögen das anders beschreiben.
St. Mary’s Peak, höchste Erhebung der Flinders Ranges
St. Mary’s Peak, 1.171 Meter, höchste Erhebung der Flinders Ranges, ragt aus dem Nordrand. Unter dem Tragflügel rechts: grüne Steppenlandschaft, links roter Wüstenboden, direkt darunter die Bergketten selbst – purpurgraue Falten durchziehen das Gestein, als hätte tektonischer Druck die Erdkruste wie Stoff gerafft.
Faltenwürfe aus rötlichem Gestein ziehen sich durch die ausgedörrte Landschaft, als hätte eine gewaltige Hand den Kontinent zusammengeschoben.
Wind und Wasser haben über Jahrmillionen Rippen ins Gestein geschliffen, die wie versteinerte Wellen gen Horizont laufen.
Die Flinders Ranges sind der einzige Ort der Erde, an dem eine 350 Millionen Jahre umfassende, fast lückenlose geologische Sequenz sichtbar ist. Die ältesten Fossilien mehrzelligen Tierlebens auf dem Planeten wurden hier entdeckt, in den Ediacara Hills nördlich von hier. So bedeutsam war dieser Fund, dass die Wissenschaft eigens einen neuen geologischen Zeitraum ausrief – das Ediacaran, benannt nach diesem Ort.
Die größte Viehstation der Welt, größer als Israel
10:08 Uhr. Wir überfliegen Leigh Creek, eine kleine Ortschaft mit einem See in einem Krater im Hintergrund – einem ehemaligen Tagebau, jetzt Wasserreservoir. Dann weitet sich die Landschaft ins Grenzenlose. Unter uns Anna Creek Station, mit 23.677 Quadratkilometern die größte Viehstation der Welt, größer als Israel. Rinder verteilt wie Punkte auf einem Blatt Papier, wir können sie von hier oben kaum erkennen.
Aidan zeigt auf die Erde unter uns. „Irgendwo da unten ist er.“ Ich sehe nichts. Dann eine helle Linie, eine zweite, und plötzlich tritt er heraus – der Marree Man.
Eine riesenhaften Menschenfigur, der Marree Man, das größte Bodenbild der Südhalbkugel, gibt seit seiner mysteriösen Entstehung 1998 Rätsel auf – Schöpfer unbekannt, Zweck ungeklärt.
Eine riesenhafte Menschenfigur, wahrscheinlich mit einer Planierraupe in die Erde geritzt, 2,7 Kilometer von Kopf bis Fuß. Der Umfang seiner etwa 35 Meter breiten Linien beträgt 28 Kilometer. Es ist eines der größten Bodenbilder der Welt.
1998 entdeckte ein Buschpilot die Figur bei einem Routineflug. Wer sie schuf, ist bis heute ungeklärt. Selbst eine Belohnung von 5.000 australischen Dollar ist bis heute uneingelöst. Niemand hat es gesehen. Niemand hat geredet.
Dann – Lake Eyre. Der riesige See liegt unter der Cessna wie eine zerbrochene Spiegelscherbe, die Licht fängt und streut. Er besteht aus zwei Becken – das größere misst 144 Kilometer in der Länge und 65 Kilometer in der Breite, das kleinere 65 mal 24 Kilometer, verbunden durch den 15 Kilometer langen Goyder Channel.
Karminrot leuchtet das Wasser
Am Ufer trifft rostbraunes Wasser auf salzverkrustete Erde, gesäumt von hell glänzenden Kristallen. Karminrot leuchtet das Wasser dort, wo sich Mineralien und Algen zu organischen Mustern formen.
Salzweiß trifft auf Rostbraun, eine Grenze fast wie mit dem Lineal gezogen. Wo Lake Eyre schrumpft, bleibt kristalline Kruste und ein Salzsaum zurück.
Sandinseln treiben wie verwitterte Knochen in der flüssigen Wüste. Die fast ausgetrockneten Ebenen leuchten in Pastelltönen – Altrosa, Beige, ein fahles Türkis.
Es ist einer jener Orte, die man nicht glaubt, bis man sie sieht, und dann noch eine Weile braucht, bis man glaubt, was man da sieht.
Im gefüllten Zustand ist Lake Eyre der größte See des Kontinents
Im gefüllten Zustand ist Lake Eyre der größte See des Kontinents. Er enthält 400 Millionen Tonnen Salz und war im vergangenen Jahrhundert nur viermal wirklich voll. Zuletzt 1974.
Im Durchschnitt füllt er sich komplett nur zweimal pro Jahrhundert – und trocknet dann innerhalb von zwei Jahren wieder aus. 1964 nutzte Donald Campbell die spiegelglatte Salzkruste als Rennbahn und jagte seinen Bluebird CN7 auf 649 Kilometer pro Stunde.
Salzkrusten zeichnen Spiralen in das fast ausgetrocknete Seebett. Windströmungen haben die Sedimente zu geometrischen Mustern verdichtet. Der Horizont verschmilzt mit dem Himmel zu einer Linie, die jede Orientierung auflöst.
Aidan dreht sich kurz um: „Damals war Campbell dreimal so schnell wie wir – aber auf dem Boden.“ Er grinst. Dann schaut er wieder nach vorne.
Unter dem Tragflügel schichtet sich das Outback in Ocker und Staub bis an den violetten Horizont. Dann: eine rotbraune Landebahn, zwei Handvoll Gebäude, ein Flugfeld. William Creek. Offiziell eine Stadt. Sechs bis zehn Einwohner, je nach Jahreszeit.
Das William Creek Hotel, 1887 gegründet und seit 1935 als Pub geführt, steht heute unter Denkmalschutz. Wir essen Mittag an Tischen aus recyceltem Eisenbahnholz. Zusammen mit Rinderzüchtern, Motorradreisenden, Minenarbeitern, Fluggästen wie wir. Wer hier sitzt, hat oft zweihundert Kilometer Schotterpiste hinter sich.
Ein weiterer Salzsee, seit Jahrzehnten fast vollständig ausgetrocknet
Der Rückflug führt über Lake Torrens. Ein weiterer Salzsee, 5.745 Quadratkilometer, seit Jahrzehnten fast vollständig ausgetrocknet.
Salzkrusten schieben sich wie gefrorene Wellen über das ausgetrocknete Seebett, dazwischen rostrote Inseln aus oxidiertem Sediment.
Tische aus recyceltem Eisenbahnholz trennen Rinderzüchter, Motorradreisende, Minenarbeiter, Flugzeugmechaniker und Fluggäste wie uns. Wer im einzigen Pub von William Creek sitzt, hat oft zweihundert Kilometer Schotterpiste hinter sich.
Mineralablagerungen zeichnen die Grenzen zwischen Wasser und Wüste, Verdunstung modelliert die Konturen ständig neu. Aus der Vogelperspektive ein überraschend vielfarbiges geologisches Röntgenbild des Kontinents.
Ich drücke meine Stirn an die Cessna-Scheibe und denke an Duncans Satz, den er beim Lunch in Adelaide fast beiläufig fallen ließ. Ein Kontinent, der so tut, als wäre er ein Land.
Jetzt, nach Rodin und Ophelia, nach Seelöwen und Ameisenigeln, nach Gondwana-Felsen im pfeifenden Wind, einem Flecken namens William Creek im wüsten Nirgendwo und zwei Salzseen, deren Dimensionen so unfassbar für mich sind wie deren Schönheit – da fliegt dieser Satz einfach weg. Was bleibt, ist mein kindliches Staunen, tiefe Demut und Dankbarkeit.
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