Platz 1 im Happy Planet Index

Vanuatu: Inseln des Lächelns

Frauen des Dorfes Imaio führen einen Kastom-Tanz auf. Im Hintergrund raucht der Yasur, einer der aktivsten Vulkane der Welt.
Frauen des Dorfes Imaio führen einen Kastom-Tanz auf. Im Hintergrund raucht der Yasur, einer der aktivsten Vulkane der Welt.

Auf 65 bewohnten Inseln im Südpazifik leben Menschen oft ohne Strom und mit wenig Geld – und belegen dennoch Platz 1 im Happy Planet Index. Eine Reise zu den Ni-Vanuatu, ihren Höhlen, Vulkanen und einem Gemeinschaftssinn, der ohne Regeln auskommt.

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Text & Fotos: Malte Clavin

„Entscheidend ist, was man hier nicht sieht“ – das wird beim ersten Blick aus dem Pick-up auf Port Vila deutlich, die Hauptstadt von Vanuatu mit 50.000 Einwohnern. Es fehlen Ampeln, Parkuhren, Verkehrsüberwachungen. Keine protzigen Autos, keine plärrende Markenwerbung, keine posierenden Selbstdarsteller.

Jeremy vom Tourismusbüro erklärt: „Wir machen uns nichts aus Statussymbolen. Gemeinschaft – unsere Stämme, Clans, unser Dorf – das ist uns wichtig. Deshalb seht ihr hier auch keine Bettler oder Obdachlose. Bei uns fällt niemand aus der Gemeinschaft.“

Frauen des Dorfes Imaio führen einen Kastom-Tanz auf. Im Hintergrund raucht der Yasur, einer der aktivsten Vulkane der Welt.

Diese Haltung zieht sich durch alle Fasern der Gesellschaft. „Wenn du drei Sachen gemacht hast, dann hast du genug für den Tag getan. Dann geh raus und sprich mit den Nachbarn“ – diese Philosophie stammt von einem amerikanischen Missionar. Sie lässt erahnen, warum Vanuatu 2024 erneut den ersten Platz im Happy Planet Index belegte. Das Ranking erscheint nur alle paar Jahre, die nächste Bewertung wird 2027 erwartet.

Chief Roi Mata’s Domain darf sich mit dem Welterbetitel der Unesco schmücken.

Auf der Insel Lelepa gleiten die Besucher aus Europa vom Boot ins kristallklare Türkis. Schwarz-weiß gestreifte Falterfische huschen zwischen Korallen, blaue Doktorfische schweben in trägen Schwärmen. Nach einem kurzen Marsch erreicht man „Fels Cave“, eine Höhle, die zum ehemaligen Herrschaftsgebiet des letzten vanuatischen Häuptlings gehört. Seit 2008 darf sich „Chief Roi Mata’s Domain“ mit dem Welterbetitel der Unesco schmücken.

Die Fels Cave auf Lelepa gehörte zum Herrschaftsgebiet des letzten vanuatischen Häuptlings. Seit 2008 trägt „Chief Roi Mata’s Domain“ den Welterbetitel der Unesco.

Guide Bradley erklärt: „Diese Höhle beherbergt Felszeichnungen, die bis zu 3000 Jahre alt sind. Sie zeigen Vögel, Fische, Schildkröten – und menschenähnliche Wesen.“ Die größte Darstellung soll laut lokaler Überlieferung Chief Roi Mata selbst zeigen. Der bedeutende Stammesfürst lebte im 16. Jahrhundert und soll hier gestorben sein.

Im nahe gelegenen Dorf leben etwa 500 Menschen in Hütten aus geflochtenen Palmwedeln. Strom gibt es nicht. Jede Familie baut Kokosnüsse, Yams oder Maniok an – alles für den Eigenverzehr. So wie auch der Fischfang: Gelbflossen-Thunfisch, Wahoo und manchmal Marlin gehören zur Beute.

Selbst in fünf Metern Tiefe bleibt jeder Kieselstein erkennbar.

Die größte Insel Vanuatus ist Espiritu Santo mit einer Fläche von fast 4000 Quadratkilometern. Bei einer Kajaktour durch die Shark Bay breitet sich Stille aus – nur Naturgeräusche aus Wind und Wasser. Nach einer Stunde nimmt das Wasser eine intensivere Farbe an: Das Blue Hole ist erreicht, eine natürliche Quelle, deren Wasser so klar ist, dass selbst in fünf Metern Tiefe jeder Kieselstein erkennbar bleibt.

Glasklares Quellwasser am Blue Hole auf Espiritu Santo – selbst in fünf Metern Tiefe bleibt jeder Kieselstein erkennbar.

Jean-Marc, ein lokaler Führer, erläutert die Sprachenvielfalt des Landes: Bis zu 138 indigene Sprachen werden auf den 65 bewohnten Inseln gesprochen – die höchste Sprachendichte pro Kopf weltweit. Inseln, Buchten und Dörfer waren über Jahrtausende isoliert, wodurch sich eigene Sprachen entwickeln konnten. Espiritu Santo allein beheimatet etwa 24 verschiedene Sprachen. „Manche Gemeinschaften leben heute noch mit eigener Sprache in einer einzigen Bucht“, sagt Jean-Marc. „Warum woanders hin? Sie haben hier alles.“

Dies zeigt Respekt vor den Geistern der Höhle.

Die Millennium-Höhle wurde im Jahr 2000 von Tony Andikars Bruder Samuel entdeckt. „Leider ist er letztes Jahr gestorben. Seitdem mach’ ich die meisten Führungen“, erzählt der 34-jährige Guide, während er mit seinen Gästen über schmatzenden Waldboden stapft. Die Tropenpflanze Orthosiphon aristatus, wegen ihres Aussehens manchmal Katzenbart genannt, streckt ihre weißen Blüten durchs Dickicht, scharlachrote Helikonien leuchten, magentafarbener Zier-Ingwer säumt den Weg. Vor dem Höhleneingang zeichnet Tony mit natürlichen Pigmenten Streifen in alle Gesichter: „Dies zeigt Respekt vor den Geistern der Höhle.“

Nach der Durchquerung der Millennium-Höhle folgt eine Kletterei durch Nischen, über Baumstämme und entlang großer Felsungetüme.

Am Ende der 90-minütigen Durchquerung schwimmt man wieder Tageslicht entgegen. Es folgt ein wilder Tanz über, unter und zwischen Felsungetümen. Im Ausgangsdorf reicht ein älterer Mann Kava – ein lehmfarbenes Getränk aus der gleichnamigen Wurzel. Ein leichtes Kribbeln auf der Zunge, eine angenehme Wärme. Nach wenigen Minuten fällt das Artikulieren schwer. Ein leichter Schleier umhüllt das Gemüt.

Willkommen auf dem Mars!

Auf der Insel Tanna verändert sich das Landschaftsbild: Dicht bewachsene Hänge weichen einer dunkelgrauen Staubebene. „Willkommen auf dem Mars!“, sagt Fahrer Tony lachend und zeigt auf den Yasur, einen der aktivsten Vulkane der Welt. „Wir beschweren uns nicht. Auch nicht, wenn die Zyklone uns eine harte Zeit bescheren“, erzählt er. „Nach der letzten Zyklone befahl unser Clanchef: ‚Zuerst repariert ihr das Haus der Witwe. Und dann das der Großfamilie.‘ Das ist Gemeinschaft. Sie ist wichtig. Dafür leben wir.“ Am Kraterrand leuchten Lavafontänen in der Dunkelheit immer klarer. Die Einheimischen verehren den Yasur als von mächtigen Geistern bewohnt, die ihre Launen als Eruptionen äußern.

Blick bei Nacht in den Krater des Yasur auf Tanna. Die Einheimischen verehren den Vulkan als von mächtigen Geistern bewohnt.

Was macht die Einwohner dieses Inselstaates, Ni-Vanuatu genannt, so glücklich? Trotz geringen Einkommens und häufiger Naturkatastrophen? Drei Dinge fallen auf, je länger man hier unterwegs ist: Erstens die Gemeinschaft, die nicht auf dem Papier steht, sondern täglich gelebt wird. Ob im Dorf, beim Fest oder am Kava-Feuer – niemand bleibt allein. Anhalter werden mitgenommen, am Hausneu- oder -wiederaufbau ist der ganze Stamm beteiligt. Das soziale Netz besteht nicht aus Regeln, sondern aus Handlungen.

Genügsamkeit als Haltung, nicht als Mangel.

Zweitens: Genügsamkeit als Haltung, nicht als Mangel. Zufriedenheit ohne Überfluss ist hier kein Ideal, sondern Alltag. Statussymbole? Unwichtig. Besitz? Zweckmäßig. Und drittens: eine Naturverbundenheit, die weit über Folklore hinausgeht. Ob Fischfang, Palmhütten oder Medizinpflanzen – alles steht in Verbindung zur Natur. Bereits 2018 verbot Vanuatu als erstes Land weltweit Plastikstrohhalme. Plastiktüten und Styroporbehälter folgten. Seitdem ist der Anteil dieser Produkte am Abfall von 35 auf unter 2 Prozent gesunken.

Besucher der Sanma-Feierlichkeiten in einem Dorf außerhalb von Luganville auf Espiritu Santo.

Auf dem Sanma-Festival ist vieles davon in Aktion zu erleben: etwa 500 Menschen zwischen provisorischen Hütten, Frauen bereiten lachend Speisen zu, Kinder knabbern Taro-Chips. Wieder fällt auf, was man nicht sieht: Niemand starrt auf Displays, kein Handy plärrt. Das Motto des Festes lautet „Yumi tugeta, yumi strong“ – „Du und ich, zusammen sind wir stark“.

Die Ni-Vanuatu und ihr gelebtes Bekenntnis zur Einfachheit beeindrucken: Obwohl sie aufgrund desaströser Zyklone zu den am meisten vom Klimawandel betroffenen Nationen gehören, leben sie im Hier und Jetzt. Oder wie es Jeremy vom Tourismusbüro zusammenfasst: „We only take our happiness seriously.“ Sie nehmen nur ihr Glück ernst.

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