600 Kilometer Schotterpiste, Panne inklusive

Westaustralien – Rot, wild, weit, heiß

Die atemberaubende 'Cathedral Gorge' im Purnululu-Nationalpark in Westaustralien ist ein Wunder der Natur - das Zusammenspiel von Wind, Wasser und Zeit hat hier über Jahrmillionen hinweg eine gewaltige Kathedrale aus Sandstein geschaffen. Die bizarren, von ockerfarbenen Bändern durchzogenen Wände ragen empor wie die Säulen und Bögen eines uralten Sakralbaus.
Die atemberaubende 'Cathedral Gorge' im Purnululu-Nationalpark in Westaustralien ist ein Wunder der Natur - das Zusammenspiel von Wind, Wasser und Zeit hat hier über Jahrmillionen hinweg eine gewaltige Kathedrale aus Sandstein geschaffen. Die bizarren, von ockerfarbenen Bändern durchzogenen Wände ragen empor wie die Säulen und Bögen eines uralten Sakralbaus.

Rostrote Pisten, Termitenhügel, Boab-Bäume – und irgendwo tief im Outback eine Panne, die alles auf den Kopf stellt. Eine Jeep-Reise auf der berüchtigten Gibb River Road. Zwischen Abenteuer und der jahrtausendealten Traumzeit-Kultur der Miriwoong-Aborigines.

Erschienen in:

Deutschlands größtes Naturreise-Magazin
12 Seiten | Text & Fotos

Jeder hat eine Australien-Story. Giftschlangen, Spinnen, Krokodile, Hitzschlag, Verdursten, tödliche Autopannen – das, was meine Frau Annette und ich vor unserer ersten Reise dorthin hören, ist Stoff für eine Horrorstory. Ist es wirklich so schlimm, wie man uns erzählt? Wir werden es herausfinden – mit einer gehörigen Portion Respekt.

Fast zwei Stunden dauert die Einführung

Fast zwei Stunden dauert die Einführung in unseren Leihgeländewagen in Broome. Stephan erklärt uns jeden Hebel des 2,8 Tonnen schweren Toyota Hilux mit Dachzelt, Küche und Markise.

Mir schwirrt der Kopf.

Nach dem Shopping für acht Tage Wildnis rollen wir los, hinein in eine Landschaft, die wie von einem anderen Planeten scheint. Zahllose Termitenhügel ragen am Straßenrand wie abstrakte Skulpturen aus ockerroter Erde. Dazwischen recken Boab-Bäume ihre knorrigen Äste gen Himmel.

Die Einführung in unseren Geländewagen – inkl. Zeltaufbau, Bordelektronik, Reifenwechsel etc. – dauert satte zwei Stunden.

Nach vier Stunden endet der Asphalt. Die berüchtigte Gibb River Road beginnt. Wir lassen Druck aus den Reifen – auf dem losen Schotter verbessert die größere Auflagefläche die Traktion.

Das erste Känguru wechselt in elegantem Bogen die Straße. Wir jubeln und freuen uns kindisch! Schwalben schwirren vor der Motorhaube, ein Schwarm smaragdgrüner Sittiche explodiert aus dem Gebüsch. Die Wildnis beginnt!

Ein 750 Meter langer Höhlengang durchbohrt hier die Napier Range

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir den Tunnel Creek im Bandilngan-Nationalpark. Ein 750 Meter langer Höhlengang durchbohrt hier die Napier Range – Relikt eines Riffs, das vor 350 Millionen Jahren unter einem tropischen Meer entstand. Es ist Westaustraliens ältestes Höhlensystem.

An einigen Stellen fällt schwaches Tageslicht auf den Boden. Außer uns ist niemand hier. Wir kraxeln über Felsen, scheuchen kleine Frösche auf, die sich mit einem Sprung ins dunkle Wasser retten.

In der Höhle sollen auch Süßwasserkrokodile leben. Im Gegensatz zu ihren gefährlichen Verwandten, den Salzwasserkrokodilen, gelten sie als scheu und greifen Menschen nur an, wenn sie sich bedroht fühlen. Wir tasten uns vorsichtig durch schattige Passagen, doch es zeigt sich kein Reptil.

Annette in der Dimalurru Höhle, auch ‘Tunnel Creek’ genannt.

Gegen fünf Uhr am nächsten Morgen wecken mich Vogelstimmen. Schwarze Kakadus krächzen in den Baumwipfeln, Corellas streiten lautstark um die besten Sitzplätze. Kängurus hoppeln durchs taufeuchte Gras.

Dreißig bis hundert Meter hohe Felswände rahmen das Flussbett

Vergessener Pfad im Grün

Wir wandern in die Windjana-Schlucht. Dreißig bis hundert Meter hohe Felswände rahmen das Flussbett des Lennard River. Ich beobachte einen Zierspint auf einem Ast – er fliegt unvermittelt los, schnappt sich ein Insekt, landet exakt an derselben Stelle und schlägt seine Beute mit voller Wucht gegen das Holz.

Morgendlicher Spaziergang in der Windjana-Schlucht, auch Bandilngan genannt.

Zurück am Parkplatz schütteln wir den roten Staub von den Schuhen, und schon rollen wir wieder über die endlose Gibb River Road. Der erste Road Train naht. Zuerst nur ein Staubfähnchen am Horizont, dann ein dumpfes Grollen. 

Das Donnern schwillt an, eine Wand aus Staub rauscht vorbei

In Westaustralien erreichen diese Giganten Längen bis 53 Meter und über 175 Tonnen Gewicht – es sind die längsten straßenzugelassenen Fahrzeuge der Welt.

Annette geht vom Gas und lenkt so weit wie möglich auf den Seitenstreifen. Das Donnern schwillt an, eine Wand aus Staub rauscht vorbei, der Boden vibriert. Sekunden später verschluckt die rote Einöde den Lärm. Stille.

Ist es wirklich so schlimm, wie man uns erzählt hat? Bisher nicht. Bisher ist es atemberaubend.

Ein mächtiger Road Train donnert durch die Staubwolken der Gibb River Road.

Die staubige Gibb River Road schlängelt sich weiter durch sanft gewelltes Terrain aus rötlicher Erde. Spinifex-Gras und Akazien trotzen hier seit Jahrtausenden den extremen Bedingungen. Die Kimberley-Region erstreckt sich über 423 000 Quadratkilometer und ist damit größer als Deutschland. Wir fühlen uns wie zwei Sandkörner in einer rostfarbenen Wüste.

Unter uns stürzt kristallklares Wasser über hufeisenförmige Sandsteinstufen

Wir erreichen den Parkplatz der Bell Gorge. Es ist weit über dreißig Grad. Nach einem kurzen Abstieg stehen wir an der Wasserfallkante. Unter uns stürzt kristallklares Wasser über hufeisenförmige Sandsteinstufen in ein Becken. Zwei Schwimmer haben sich die natürliche Oase erobert.

Die in Millionen Jahren geschliffenen Felsformationen glühen in warmen Ockertönen. Für die Ngarinyin, die traditionellen Hüter dieses Landes, ist jede Schlucht und jeder Wasserfall beseelt.

Die Wandjina, mächtige Schöpfergeister, sollen einst die Landschaft geformt haben und leben seitdem in den tiefen Wasserlöchern. Sie bringen den Monsunregen – und bestrafen jene, die ihre Gesetze brechen, mit Blitzen, Flut und Zyklon.

Zwei Schwimmer haben sich eine natürliche Oase in der Bell Gorge erobert – das kristallklare Wasser sammelt sich zu einem perfekten Naturpool.

Nach einem letzten Blick aufs schimmernde Becken steigen wir zurück zum Parkplatz. Unser nächstes Ziel ist die Mount Elizabeth Station – dreißig Kilometer Schotterpiste, eine gefühlte Ewigkeit.

Die 200 000 Hektar große Rinderstation wurde 1945 gegründet, heute grasen hier über 6 000 Rinder. Wir sehen nur wenige davon – die Weite verschluckt sie. Dafür treffen wir Geländewagenfahrer aus aller Welt, die auf dem Campingplatz Geschichten austauschen.

Ein weißer Sandstrand empfängt uns

Zum Sonnenaufgang am nächsten Morgen weckt uns ein vielstimmiges Vogelorchester. Friedenstäubchen gurren, Rotnackenloris krakeelen und irgendwo im Gebüsch raschelt ein Graulaubenvogel.

Zwanzig Kilometer holprige Piste später erreichen wir die Warla Gorge. Ein weißer Sandstrand empfängt uns, dahinter schimmert stilles, smaragdgrünes Wasser.

Und wieder sind wir ganz allein. In einem Eukalyptusbaum entdecke ich einen Gelbhaubenkakadu. Mit seinem kräftigen Schnabel knackt er geschickt harte Samenkapseln.

Diese intelligenten Papageien gehören zu den wenigen Vogelarten, die Werkzeuge benutzen können – sie halten Stöckchen mit den Füßen fest, um sich damit Kopf und Rücken zu kratzen.

Der Kakadu-Ruf durchschneidet die Stille – ein durchdringendes, metallisches Kreischen. Sekunden später antwortet ein zweiter, dann ein dritter. Bald erfüllt ein lärmender Chor die Schlucht.

Ein Gelbhaubenkakadu knabbert geschickt an den Samen eines Eukalyptusbaumes in der Warla Gorge.

Zurück zur Gibb River Road. Vor uns liegen noch 320 Kilometer bis Kununurra. Die Sonne steht hoch, der Staub tanzt im Licht, und die Kimberley breitet sich vor uns aus wie ein rotgoldener Ozean ohne Ufer.

Gegen zwölf Uhr ein ungewohntes Geräusch. Ein metallisches Scheuern unterhalb des Fahrzeugs. Annette bremst ab, ich krieche unter den Geländewagen und sehe, dass die Befestigung des 140-Liter-Dieseltanks an einer Seite abgebrochen ist.

Der Tank hängt bedrohlich tief, nur noch wenige Zentimeter trennen ihn vom scharfkantigen Geröll. Ein Aufprall könnte ihn aufreißen – auslaufender Diesel, Funken durch Reibung, im schlimmsten Fall Feuer.

Die Mittagshitze drückt, vierzig Grad, kein Schatten

Ich telefoniere mit dem Autovermieter, der rasche Hilfe verspricht. Die Mittagshitze drückt, vierzig Grad, kein Schatten. Nach einer Stunde rauscht ein staubbedeckter Geländewagen heran.

Mark Sulman von der zehn Kilometer entfernten Ellenbrae Station steigt aus, schüttelt mir wortlos die Hand und wirft sich auf die stachelige Geröllpiste, als läge dort eine gepolsterte Matte. Im Outback spart man Worte und ist nicht zimperlich.

Nach zehn Minuten sitzt ein Spanngurt fest um den Tank. Mark mustert sein Werk: „Sicher würde ich das nicht nennen – aber bis zu unserer Station schafft ihr es.“

Mark ist der Inbegriff des Bush Mechanic – in der Kimberley wird Improvisation zur überlebenswichtigen Ingenieurskunst.

Glück im Unglück: Mark Sulman repariert den Geländewagen notdürftig, so dass wir die zehn Kilometer entfernte Station erreichen können.

Zehn Kilometer später erreichen wir eine Oase inmitten verbrannter Erde – die Ellenbrae Station. Vor drei Wochen loderte hier ein Buschfeuer, das die Gebäude nur um Haaresbreite verfehlte. Annette und ich sitzen dankbar auf der Veranda, genießen Kaffee und frisch gebackene Scones mit Clotted Cream.

Fiona, Marks Frau und Stationschefin, fixiert plötzlich einen Punkt am Geländer. Eine seltene Sonnenamadine präsentiert dort ihr leuchtend karminrotes Gesicht. Diese Prachtfinken bewohnen tropische Grasländer. Das Buschfeuer hat vermutlich Nistplätze zerstört, weshalb einige Vögel zur Station migriert sind.

Die Fläche umfasst rund 4 000 Quadratkilometer

Mark und Fiona betreiben die Station seit 2021. Die Fläche umfasst rund 4 000 Quadratkilometer, fast viermal so groß wie Hongkong. Ende September schließen sie und fliegen in den Urlaub.

Doch jemand bleibt: Von Oktober bis März, wenn die Flüsse über die Ufer treten und die Gibb Road unbefahrbar ist, harrt ein Hüter hier alleine aus. Erst wenn sich das Wasser Ende März zurückzieht, kehren Mark und Fiona zurück.

Mark und Fiona Sulman, die herzlichen Betreiber der Ellenbrae Station.

Am nächsten Morgen kommt der Abschleppwagen. Fahrer Darren könnte einem Mad-Max-Film entsprungen sein: Zigarettenkippe im Mundwinkel, verspiegelte Sonnenbrille, schleppender Gang.

Dreieinhalb Stunden rattern wir neben Darren im Führerhaus über die Piste nach Kununurra, vorbei an der Cockburn Range, deren rostrot-ockerfarbene Sedimentschichten Millionen Jahre geologischer Geschichte preisgeben.

Darren schaltet hoch und saust an allem vorbei

Dann plötzlich – Asphalt. Vor uns eine Baustelle, rote Ampel, fünf wartende Autos, kein Gegenverkehr. Darren schaltet hoch und saust an allem vorbei. Ich sehe ihn entsetzt an. Er grinst.

Nachdem die Tankhalterung bricht, wird unser Mietwagen über 230 km bis nach Kununurra abgeschleppt.

In Kununurra angekommen, tauschen wir den defekten Geländewagen gegen ein neues Fahrzeug. Am nächsten Morgen führt unser erster Weg zum Mirima-Nationalpark, nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Die Miriwoong nennen diesen Ort Hidden Valley – verstecktes Tal. Vor 350 Millionen Jahren lag diese Gegend unter einem urzeitlichen Meer.

Heute ragen orangerote, bienenkorbartige Sandsteinformationen in den stahlblauen Himmel, eine Miniaturausgabe des berühmten Bungle-Bungle-Gebirges. Annette und ich folgen dem gewundenen Pfad durch die labyrinthartigen Schluchten.

Die horizontal verlaufenden Sedimentschichten bilden natürliche Terrassen. Eine dünne Schicht schwarz-grüner Algen und Flechten schützt den fragilen Sandstein vor der Erosion durch Regenfälle

Für die Aborigines ist das Land ein untrennbarer Teil ihrer selbst

Auf einer Infotafel lese ich: You are standing on Miriwoong Dawang – Sie stehen auf MiriwoongLand. Dawang bedeutet Heimat, Land, Zugehörigkeit.

Selbst der Ortsname trägt diese Verbundenheit in sich: Kununurra leitet sich vom Miriwoong-Wort Goonoonoorrang ab – es bedeutet schlicht „Fluss“.

Für die Aborigines ist das Land ein untrennbarer Teil ihrer selbst. Sie sagen „mein Land“ wie „meine Hand“ oder „mein Gefü

Felsformationen, die wirken wie eine Kathedrale der Erdgeschichte – ein Zeugnis jener Kräfte, die Westaustraliens Nordwesten formten.

Am Wegesrand entdecken wir Schilder mit Pflanzenbeschreibungen. Gardanyen, der StringybarkEukalyptus, liefert Holz für Speere und Didgeridoos. Merndang, der Paperbark-Baum, hat eine weiche Rinde, die als Kissen, zum Dachdecken und zur Insektenabwehr dient. Gerdewoon, der Boab – sein Mark ist essbar, in seine Nüsse wurden einst Nachrichten geritzt.

Später besuchen wir das Waringarri Aboriginal Arts Center. Hier begegnet uns das Konzept Wirnan, ein komplexes System kultureller Protokolle und Verpflichtungen.

Ein Künstler erklärt: „Wirnan bedeutet berlebga-yileng – einander niemals fallen lassen. Es beschreibt den Austausch von Geschenken, Wissen und Respekt zwischen den Stämmen. Jedes Gemeinschaftsmitglied hat seinen Platz im Verwandtschaftssystem, das bestimmt, wen man heiraten darf, mit wem man sprechen kann und welches Land man betreten darf.“

Diese Bäume können über 1 500 Jahre alt werden

Am Nachmittag fahren wir zu einem mächtigen Boab-Baum unweit der Elephant Rocks – eine lebende Skulptur, die Geschichten unzähliger Generationen in ihrer silbergrauen Rinde trägt.

Diese Bäume können über 1 500 Jahre alt werden. Einige wurden im Alter hohl und dienten als Unterschlupf. Ich halte zwei samtweiche Boab-Früchte in der Hand.

Die Miriwoong-Sprache zählt heute weniger als zwanzig fließende Sprecher. Doch hier, in diesen Felsen und Bäumen, lebt sie weiter. 

Ein majestätischer Boab-Baum – eine lebende Skulptur, die bis zu 1 500 Jahre alt werden kann.

Es ist 5:52 Uhr auf dem Flugfeld von Kununurra. Annette und ich besteigen eine viersitzige Cessna 210. Pilot James startet den Motor. Minuten später gleiten wir über riesige Sandelholzplantagen hinweg, deren streng geometrische Reihen im Morgenlicht wie ein grünes Schachbrett wirken.

Dann verändert sich die Landschaft dramatisch: Unter uns erstreckt sich ein zerklüftetes Mosaik aus rostfarbenen Steilwänden, olivgrünen Savannen und verborgenen Wasserläufen.

Dann erscheinen sie: die Bungle Bungles

Die stahlblauen Wasser des Lake Argyle dringen wie Fjordarme tief in die Sandsteinlandschaft ein. Der gewaltige Stausee bedeckt eine Fläche von fast 1 000 Quadratkilometern – nahezu doppelt so groß wie der Bodensee.

Eine scharfkantige Geländestufe zieht sich wie eine natürliche Festungsmauer durch die Savanne.

Dann erscheinen sie: die Bungle Bungles. Orangerote Felstürme, deren kegelförmige Kuppen sich bis zum Horizont staffeln. Ihre horizontalen Bänderungen, abwechselnd orange und schwarzgrau, zeugen von Ablagerungen im Devon vor 360 Millionen Jahren.

Die charakteristischen orangeroten Felstürme der Bungle Bungles erheben sich aus der grünen Ebene.

Nach der Landung nimmt uns Guide Rebecca Sampy in Empfang. „Welcome to the ground you are standing on“, begrüßt sie uns. Diese Formel erkennt an, dass wir auf Land stehen, das den Traditional Owners gehört – den Kija und Jaru, deren Verbindung zu diesem Ort Zehntausende von Jahren zurückreicht. Purnululu bedeutet in der Kija-Sprache „Sandstein“.

Wir wandern durch eine Landschaft voller Livistona-Palmen und schulterhohem Spinifex-Gras, das einen süßlich-würzigen Duft verströmt.

An einer Felswand entdecke ich etwa fünf Meter über uns den ockerfarbenen Abdruck einer Hand. Rebecca erklärt: „Diese Handabdrücke sind über 17 000 Jahre alt. Sie markieren bedeutsame Orte und drücken die Verbindung unserer Vorfahren zum Land aus.“ 

Der Fels speichert die Wärme des Tages und gibt sie nachts ab

An der Felswand klebt ein Termitenbau. Rebecca erläutert: „Die Königin und ihre Larven benötigen konstant etwa 30 Grad. Der Fels speichert die Wärme des Tages und gibt sie nachts ab – eine natürliche Klimaanlage.“

Dann spricht sie über ein Thema, das mich zutiefst berührt: „Früher nutzten wir hohle Termitenbauten für Bestattungen. Nachdem ein Körper viereinhalb Monate in einer Felsnische gelegen hatte, wurden die Knochen in einem Termitenbau beigesetzt. Wir glaubten, dass die Termiten den Geist schneller freisetzen, damit er zur Traumzeit-Quelle zurückkehren kann. Der Hügel fungiert als Portal zwischen physischer und spiritueller Welt.“

An einem Billabong mahnt sie: „Behandelt diesen Platz mit Respekt! Keine Steine ins Wasser werfen – das stört die Geister!“

Führerin Rebecca Sampy erkundet mit uns die Felslandschaft des Purnululu-Nationalparks.

Die Cathedral Gorge öffnet sich vor uns wie ein gigantisches Amphitheater. Geschwungene Felswände wölben sich bis zu 200 Meter hoch über einem stillen Wasserbecken – ein Sakralbau der Natur. Die Akustik ist phänomenal: Spricht jemand auf der gegenüberliegenden Seite, klingt es, als stünde er direkt hinter mir

Der Spalt verengt sich auf kaum Schulterbreite

Später erkunden wir die Echidna Chasm im Norden des Parks. Der Spalt verengt sich auf kaum Schulterbreite. Die senkrechten Felswände ragen über 200 Meter empor, während goldenes Licht von oben den Weg weist.

Livistona-Palmen klammern sich an die vertikalen Wände. Sie stammen aus einer Zeit, als das Klima hier deutlich feuchter war. Heute überleben sie nur noch, weil ihre Wurzeln tief genug reichen, um permanentes Grundwasser zu finden.

Echidna Chasm verengt sich zu einem schmalen Spalt, kaum schulterbreit, die Felswände ragen über 100 Meter empor.

Von den gestreiften Kuppeln der Bungle Bungles führt uns die letzte Etappe per Flug zurück nach Broome. Unser Guide Bess, gerade einmal fünfzehn Jahre alt, empfängt uns mit der Gelassenheit eines Veteranen. „Broome wurde auf Knöpfen gebaut“, erklärt er. Bis 1914 lieferte diese abgelegene Küstenstadt 80 Prozent des weltweiten Perlmutts.

Die Pinctada maxima, die größte Perlauster der Welt, machte Broome zur Perlenhauptstadt des Planeten. Die Geschichte dieser Industrie ist durchzogen von kolonialer Brutalität.

In den 1860er bis 1880er Jahren wurden Aboriginal-Männer und -Frauen als Skin Diver gezwungen, nackt und ohne Ausrüstung bis zu zwölf Meter tief zu tauchen. Ab den 1890er Jahren übernahmen japanische Taucher aus Taiji – heute Partnerstadt Broomes – die gefährliche Arbeit.

Vor unseren Augen öffnet Bess nun eine Pinctada maxima

1956 eröffnete im 370 Kilometer nördlich gelegenen Kuri Bay Australiens erste Zuchtperlenfarm. Ein winziger Kern aus Mississippi-Muschelschale wird in die Auster implantiert, und das Tier umhüllt den Fremdkörper mit Perlmutt. Zwei Jahre später kann geerntet werden.

Vor unseren Augen öffnet Bess nun eine Pinctada maxima. Behutsam löst er eine kleine, unregelmäßig geformte Perle aus dem Gewebe – eine Keshi, entstanden ohne implantierten Kern, ein Nebenprodukt der Zucht und dennoch von betörender Schönheit.

Im Showroom legt Bess eine makellose Perle in meine Handfläche. Etwa zwei Zentimeter Durchmesser, perfekt rund, mit jenem samtigen Schimmer, den Fachleute „Lüster“ nennen. Bess grinst: „100 000 Dollar.“ Die kleine Keshi bringt dagegen 72 Dollar.

In der Perlenfarm Willie Creek schimmert eine Pinctada maxima – die größte perlenbildende Auster der Welt.

Am Abend sitzen Annette und ich am Cable Beach. Die Sonne versinkt glutrot im Indischen Ozean, Kamele ziehen als Schattenrisse über den nassen Sand.

Zehn Tage liegen hinter uns.

Schluchten aus 350 Millionen Jahre altem Riffgestein. Termitenhügel wie Kathedralen. Felswände, die Geschichten aus der Traumzeit erzählen.

Ein Land, das seine Besucher nicht mit Samthandschuhen anfasst

Ist es wirklich so schlimm, wie man uns erzählt hat?

Nein. Es ist überwältigend, herausfordernd, demütig machend.

Ein Land, das seine Besucher nicht mit Samthandschuhen anfasst, aber gerade deshalb tief berührt. Die Kimberley-Region verlangt Respekt. Sie gibt dafür etwas zurück, das kein Reiseführer beschreiben kann: das Gefühl, an einem der letzten wahrhaft wilden Orte der Erde gewesen zu sein.

Wie Scherenschnitte ziehen die Kamele durch das glutrote Abendlicht am Cable Beach.

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