Nebelwald, Salzkrater, Grogue-Brennerei, Küstenweg

Kapverden: Wandern, wo Wolken weiden

Wanderer auf dem Weg vom Cova-Krater ins Tal von Paul. Eine Wolkendecke füllt das ganze Tal.
Wanderer auf dem Weg vom Cova-Krater ins Tal von Paul. Eine Wolkendecke füllt das ganze Tal.

Auf manche Inseln der Kapverden fallen in einer Regenzeit manchmal nur drei Zentimeter Regen. Und doch wachsen auf São Nicolau Drachenbäume und Kaffee, auf Santo Antão steigen Terrassen bis in die Wolken. Vier Inseln, eine Frage: Wovon lebt ein Archipel, dem der Regen fehlt?

Erscheint in:

TERRA

Deutschlands größtes Naturreise-Magazin
Ausgabe 3/2027 | Text & Fotos Malte Clavin

Kurz nach neun hängt der Nebel noch am Grat. Unter ihm, am steilen Hang über dem Pflasterweg, stehen Drachenbäume. Ein Drachenbaum sieht aus wie ein Schirm, den jemand aufgespannt und stehen gelassen hat. Sein dicker Stamm gabelt sich nach oben wieder und wieder, und jedes Astende trägt einen Schopf aus steifen, schwertförmigen Blättern. Dazwischen strecken Agaven ihre Blattrosetten in den Dunst.

Drachenbäume an einem Felsgrat über Fajã. Hier wachsen die größten Drachenbaumbestände der Kapverden.

Drachenbäume an einem Felsgrat über Fajã. Hier wachsen die größten Drachenbaumbestände der Kapverden.

Unsere Gruppe aus Reiseveranstaltern und Journalisten ist im Tal von Fajã aufgebrochen, auf São Nicolau. Nirgends auf den Kapverden wachsen so viele Drachenbäume wie hier und an den Hängen darüber. Das überrascht.

Im langjährigen Mittel fallen auf den Kapverden 228 Millimeter Regen im Jahr, nicht einmal halb so viel wie in Berlin

Denn auf den Inseln vor Westafrika fällt kaum Regen, im langjährigen Mittel 228 Millimeter im Jahr, fast alles davon zwischen August und Oktober. Das ist nicht einmal halb so viel wie in Berlin. Wovon leben Inseln, auf die so wenig Wasser fällt? Die Antwort zieht gerade als Nebel über den Grat. Ihre Geschichte beginnt zwei Tage früher, auf São Vicente.

Ein einzelnes Haus unter dem Bergmassiv über Fajã.

Ein einzelnes Haus unter dem Bergmassiv über Fajã.

Mindelo: wo Cesária barfuß ging

Braune, kahle Bergrücken umschließen Mindelo, die Hafenstadt von São Vicente. Wir landen im Februar, mitten in der Trockenzeit.

In einer Werkstatt in der Stadt liegt ein Blatt auf der Werkbank: „Construindo Musicalidade“, Musikalität bauen. Darunter stehen die Instrumente, die hier entstehen, auch der cavaquinho, die kleine viersaitige Gitarre der kapverdischen Musik. Luis Baptista spannt lächelnd ein Holzteil in Schraubzwingen. Gitarren und leere Korpusse hängen an Wand und Decke, Eierkartons dämpfen den Raum.

In dieser Werkstatt lernte auch Bau, der später die Band von Cesária Évora leitete

Die Werkstatt geht auf seinen Vater zurück, Mestre Baptista, der hier bis zu seinem Tod 1997 Instrumente baute und seinen Kindern das Handwerk beibrachte. In dieser Werkstatt lernte auch Rufino Almeida, den alle nur Bau nennen. Er spielt cavaquinho und Gitarre und leitete Ende der 1990er-Jahre die Band von Cesária Évora, der berühmtesten Sängerin der Kapverden.

Am Morgen darauf blickt Cesária Évora selbst über die Uferpromenade, zehn Meter hoch, so hoch wie drei Stockwerke. Der portugiesische Künstler Vhils, der Porträts aus Mauern meißelt, hat ihr Gesicht 2019 in eine weiße Hauswand gegraben. Sie lächelt, Palmwedel rahmen ihr Porträt.

Zehn Meter hoch: Cesária Évora, 2019 vom portugiesischen Streetart-Künstler Vhils in eine Hauswand in Mindelo gemeißelt. Die Sängerin wurde 1941 in der Stadt geboren.

Zehn Meter hoch: Cesária Évora, 2019 vom portugiesischen Streetart-Künstler Vhils in eine Hauswand in Mindelo gemeißelt. Die Sängerin wurde 1941 in der Stadt geboren.

Geboren wurde sie 1941 hier in Mindelo, 2004 gewann sie für ihr Album „Voz d’Amor“ einen Grammy. Die Welt kannte sie als barfüßige Diva. Barfuß sei sie aus Solidarität mit den armen Frauen ihres Landes aufgetreten, hieß es. Sie selbst sah das nüchterner: „Auf den Kapverden, wo ich lebte, bin ich immer barfuß gegangen.“

Auf dem Fischmarkt liegen rote Meerbarben und kleine Thunfische auf den Tischen. Die Häuser daneben und in der Altstadt tragen Ziegeldächer und Gauben, gebaut unter portugiesischem und englischem Einfluss.

Mindelo nennt sich Stadt der Musik. Abends spielen in vielen Restaurants Bands mit Gitarre, cavaquinho und oft Geige. Ihr Repertoire ist die morna: langsame, wehmütige Lieder, die auch Cesária sang.

Sodade ist das kapverdische Wort für die Sehnsucht nach etwas, das man verloren hat

Eines ihrer Lieder begleitet mich in diesen Tagen auf dem Kopfhörer: „Sodade“. Sodade ist das kapverdische Wort für die Sehnsucht nach etwas, das man verloren hat. Das Lied erzählt von Menschen, die im 20. Jahrhundert ihre Insel verlassen mussten, weil Regen ausblieb und der Hunger kam. Diese Insel heißt São Nicolau.

Die letzten Farben des Tages über den Bergen am Horizont, darunter die Lichter einer Siedlung auf São Vicente.

Die letzten Farben des Tages über den Bergen am Horizont, darunter die Lichter einer Siedlung auf São Vicente.

São Nicolau: ins Land der Sehnsucht

Am Vorabend sind wir von Mindelo nach São Nicolau herübergeflogen. Jetzt wandern wir von Fajã bergab. Die Steine des Weges sind von Hand gesetzt, links und rechts laufen Mauern, manche so dicht überwachsen, dass man sie kaum sieht. Am Weg wächst, was die Insel hergibt: Papaya, Guave, Feigen, Mango und Tamarinde, Erbsen, Ackerbohnen und Kirschtomaten, dazu Kaffee, Ingwer, Baumwolle, Aloe und Tabak.

Alle Landreptilien, die von Natur aus auf den Kapverden leben, gibt es nirgends sonst auf der Welt

Der Wind raschelt in den Sträuchern, Hähne krähen über das Tal. In der Fuge einer rötlichen Mauer sonnt sich eine dunkle, fein gefleckte Eidechse. Alle Landreptilien, die von Natur aus auf den Kapverden leben, gibt es nirgends sonst auf der Welt. Sie gehören zu den Geckos oder zu den Skinken, Echsen mit glatten, glänzenden Schuppen. Schlangen gibt es keine.

Ein Skink auf einem Felsen am Weg von Fajã. Schlangen gibt es auf den Inseln nicht, wohl aber eigene Arten von Geckos und Skinken.

Ein Skink auf einem Felsen am Weg von Fajã. Schlangen gibt es auf den Inseln nicht, wohl aber eigene Arten von Geckos und Skinken.

An einem stark verzweigten Strauch bleiben wir stehen. An seinen Zweigenden sitzen schmale Blätter in Rosetten, wie kleine grüne Sterne. Es ist tortolho, eine Wolfsmilch, die nur auf den Kapverden wächst. Ihr milchiger Saft ist giftig.

Wo der Weg steiler wird, stützen Trockenmauern die Terrassen. Es geht vorbei an verfallenen, überwachsenen Steinhäusern und durch das Dorf Fragatona. Am frühen Nachmittag erreichen wir Ribeira da Prata. Achthundert Meter sind wir an diesem Tag abgestiegen.

Als Urheber von „Sodade“ wurde Armando Zeferino Soares erst im Dezember 2006 anerkannt, kurz vor seinem Tod

Im Nachbardorf Praia Branca lebte der Händler Armando Zeferino Soares. In den 1950er-Jahren schrieb er dort „Sodade“. Als Urheber anerkannt wurde er erst im Dezember 2006, kurz vor seinem Tod. Praia Branca nennt sich Terra d’Sodade, Land der Sehnsucht.

Wanderer auf dem gemauerten Weg hinunter nach Ribeira da Prata.

Wanderer auf dem gemauerten Weg hinunter nach Ribeira da Prata.

Das Lied hat eine dunkle Geschichte, und sie handelt vom Wasser. In den 1940er-Jahren blieb der Regen mehrmals aus. Nach den Berechnungen des Historikers António Carreira verhungerten damals rund 45.000 Menschen. Auf den Inseln lebten rund 180.000 Menschen: Es starb etwa jeder Vierte.

Zwischen 1903 und 1970 schickte die portugiesische Kolonialverwaltung rund 80.000 Kapverdier nach São Tomé und Príncipe, einer Inselgruppe im Golf von Guinea. Dort mussten sie auf Kaffee- und Kakaoplantagen arbeiten. Die Arbeiter reisten im Laderaum der Schiffe und wussten nicht, ob sie zurückkehren würden. Davon erzählt „Sodade“. Eine Liedzeile nennt „caminho pa São Tomé“, den Weg nach São Tomé.

Die Brandung presst das Wasser durch eine Spalte im Fels, es schießt meterhoch auf

Später bringt uns der Wagen an die Küste. In Carbeirinho stehen wir vor einer Felswand. Ihre Schichten liegen in Wellen übereinander, durchzogen von weißen Mineralstreifen, darunter schwarzer Sand und weite, flache Meerwasserbecken.

Die Brandung presst Wasser durch eine Spalte im Fels, es schießt meterhoch auf. Zum Schluss laufe ich am Strand von Tarrafal ins Meer. Warum oben am Hang Kaffee wächst und hier unten nichts als Fels und Sand liegt, zeigt sich morgen am Monte Gordo, dem höchsten Berg der Insel.

Emmanuelle Radzynski lehnt an der wellig geschichteten Felswand von Carbeirinho auf São Nicolau, zu ihren Füßen schwarzer Sand.

Emmanuelle Radzynski lehnt an der wellig geschichteten Felswand von Carbeirinho auf São Nicolau, zu ihren Füßen schwarzer Sand.

Monte Gordo: der Nebelwald

Am nächsten Tag steigen wir hinauf in den Naturpark Monte Gordo. Er schützt 952 Hektar, gut 1.300 Fußballfelder, rund um den gleichnamigen Berg. Der Gipfel misst 1.312 Meter. Jede dritte Pflanzenart im Park wächst nur auf den Kapverden, 28 an der Zahl.

Die Wolken kommen von zwei Seiten, berühren sich und ziehen als flacher Rasen über den Kamm

In einem kleinen Tal unter dem Grat treffen sich die Wolken. Sie kommen von zwei Seiten, berühren sich und ziehen dann als flacher Rasen über den Kamm. Es ist derselbe Nebel, der in Fajã an den Drachenbäumen hing. Eukalyptus liegt in der Luft, am Weg wächst Wilde Möhre mit weißen Dolden.

Im Wald stehen bemooste, verdrehte Stämme, dazwischen Rosettenpflanzen, eine Lichtung verschwimmt im Dunst. Am Wegrand blüht die língua-de-vaca, die Kuhzunge, ein Natternkopf mit rauen Blättern, rosa und violetten Trichterblüten auf roten Röhren. Sie wächst nur auf den Kapverden und ist gefährdet, denn man nutzt sie als Heilpflanze und als Brennholz.

Língua-de-vaca, Kuhzunge, heißt dieser Natternkopf am Monte Gordo. Die Pflanze kommt nur auf den Kapverden vor und gilt als gefährdet.

Língua-de-vaca, Kuhzunge, heißt dieser Natternkopf am Monte Gordo. Die Pflanze kommt nur auf den Kapverden vor und gilt als gefährdet.

Was wir sehen, folgt einer einfachen Physik. Der Passat, der beständige Nordostwind, drückt feuchte Luft gegen die Berge. Die Luft steigt, kühlt ab und gibt ihr Wasser ab, als Nebel oder als Regen. Deshalb misst die Wetterstation von Cachaço auf 724 Metern Höhe den meisten Regen der Insel, die im Hauptort unten auf 125 Metern den wenigsten.

Auf der Insel Brava fangen Netze aus Metall bis zu 1.500 Liter Nebelwasser am Tag

Auf anderen Inseln hat man gelernt, diesen Nebel zu ernten, mit senkrecht gespannten Netzen, an denen die Tröpfchen hängen bleiben und in Rinnen tropfen. Auf der Insel Brava fangen Netze aus Metall bis zu 1.500 Liter am Tag, zehn Badewannen voll.

Bemooste Stämme im Nebel am Monte Gordo. Der Gipfel liegt auf 1.312 Metern.

Bemooste Stämme im Nebel am Monte Gordo. Der Gipfel liegt auf 1.312 Metern.

Sal: ein Krater voller Salz

Auf dem Rückflug nach Mindelo legen wir auf der Insel Sal einen Zwischenstopp ein. Ihr Name ist portugiesisch und bedeutet Salz. In der Regenzeit 2024 fielen hier gerade einmal 30 Millimeter, knapp zwei Fingerbreit. Trotzdem übernachten auf Sal und der Nachbarinsel Boa Vista gut vier von fünf Hotelgästen der Kapverden. Sie kommen wegen der Strände.

Nahe dem Ort Pedra de Lume halten wir auf einer Ebene aus Staub und Geröll. In zehn Minuten steigen wir einen kahlen Hang hinauf auf den Rand eines alten Vulkankraters. Von dort blicken wir auf rechteckige Becken, weißlich und grau, getrennt von Erddämmen. Es sind Salinen: Dort lässt die Sonne salziges Wasser verdunsten, bis Salz zurückbleibt.

Rund 90 Prozent des Trinkwassers der Kapverden stammen aus Entsalzungsanlagen

Im Krater lagern über 50 Millionen Tonnen. Bis 1887 verschiffte man jedes Jahr bis zu 30.000 Tonnen, vor allem nach Brasilien. Danach ging das Geschäft zurück, 1963 kam es praktisch zum Erliegen. Heute gewinnt man hier nur noch wenig Salz, vor allem für Kosmetik. Die Besucher kommen zum Baden in Salzlake. Wie das Tote Meer trägt die Lake den Körper, ohne dass man schwimmen muss.

Sal hat Salz und Strände. Der Passat weht auch hier, doch der höchste Berg Sals, der Monte Grande, misst nur 406 Meter. Er ist zu niedrig, um dem Wind seine Feuchte abzunehmen. Ihr Trinkwasser holt die Insel deshalb aus dem Meer. Rund 90 Prozent des Trinkwassers der Kapverden stammen aus Entsalzungsanlagen.

Salinen im Krater von Pedra de Lume. Bis 1887 ging von hier Salz vor allem nach Brasilien.

Salinen im Krater von Pedra de Lume. Bis 1887 ging von hier Salz vor allem nach Brasilien.

Santo Antão: Felder unter Wolken

Nach einer Nacht in Mindelo bringt uns frühmorgens die Fähre hinüber nach Porto Novo auf Santo Antão, der vierten Insel dieser Reise. Eine halbe Stunde fährt der Wagen bergauf, durch Kiefernwälder, bis Água das Caldeiras auf 1.300 Metern. Dann öffnet sich der Cova-Krater. Sein Boden ist kein Lavafeld, sondern ein Flickenteppich aus Äckern, gerahmt von Steinmauern. Über den Kraterrand quillt eine Wolke und sinkt auf die Felder.

Der Weg führt über den Rand und dann bergab, gepflastert und von Trockenmauern begleitet. Links liegt das Tal von Paul unter einem geschlossenen Wolkenmeer. An der Felswand steigen die Wolken herauf. Am Weg wächst losna, ein Beifuß, der scharf nach Erkältungsbalsam riecht. Es gibt ihn nur hier, auf Santiago und auf Fogo, meist über 800 Metern. Ein Falke nutzt den Aufwind und schraubt sich nach oben.

Über gemauerte Wasserrinnen, manche älter als 200 Jahre, gelangt das Wasser in die Terrassenfelder

Das Gebirge von Santo Antão fängt Steigungsregen und Nebelwasser, vor allem an den Nord- und Nordosthängen. Die Süd- und Südwesthänge bleiben dagegen sehr trocken. Über levadas, gemauerte Wasserrinnen, manche älter als 200 Jahre, gelangt das Wasser in die Terrassenfelder der Täler. In der Regenzeit 2024 fielen auf Santo Antão im Schnitt 495 Millimeter, sechzehnmal so viel wie auf Sal.

Eine Wolke schiebt sich über den Rand des Cova-Kraters auf Santo Antão.

Eine Wolke schiebt sich über den Rand des Cova-Kraters auf Santo Antão.

Hinunter ins Tal von Paul geht es rund tausend Meter, etwas mehr als auf São Nicolau. Mit jeder Kehre wird es grüner. Am Weg stehen Agaven, dazwischen leuchten rosa Blütenähren, Schmetterlinge flattern. Ein junger Esel grast, einen Strick um den Hals. Das Zuckerrohr blüht, weiße Rispen wie Federn vor dem grünen Talkessel.

In der cachupa hat der Mais noch Biss, und die Bohnen zerfallen auf der Zunge

Zum späten Mittagessen sind wir in Figueiral bei Margarida dos Santos Souza zu Gast. Sie trägt eine dampfende Schüssel aus der Küche, wir füllen unsere Teller damit. Es ist cachupa, das traditionelle Gericht der Inseln, ein Eintopf aus gestampftem Mais und Bohnen.

Und sie ist köstlich. Der Mais hat noch Biss, die Bohnen zerfallen auf der Zunge, und jeder Löffel schmeckt nach den Stunden, die der Topf auf kleiner Flamme köchelte. Als Dessert kommt camoca auf den Tisch, gerösteter, gemahlener Mais, dazu flambierte Banane.

Ein junger Esel mit Strickhalfter am Weg ins Tal von Paul.

Ein junger Esel mit Strickhalfter am Weg ins Tal von Paul.

Ein Schnaps mit Gesetz

Im Tal von Ribeira da Torre, im Weiler Longueira, wartet zwischen Zuckerrohr ein weiß gekalktes Haus mit roter Tür. Vor der Tür frisst eine grüne Gottesanbeterin ihre Beute. Drinnen lagern Fässer vor Bruchsteinmauern. Arlindo Rodrigues stützt sich auf eines davon und lacht.

Vor ihm stehen drei Flaschen, eine klar, eine dunkel, eine gelblich, alle mit dem Etikett Dona Adélia, dem Namen des Hauses. Hier landet Rohr, wie wir es mittags am Hang blühen sahen. Man brennt daraus grogue, Schnaps aus Zuckerrohr und aus nichts sonst.

„Grogue trinkt man nicht nur, wenn gefeiert wird. Auch bei einer Beerdigung“

Santo Antão ist die Insel des grogue. Auf 82 Prozent ihrer Ackerfläche wächst Zuckerrohr, vier Fünftel des kapverdischen grogue kommen von hier. Ab 1993 streckten viele Brenner ihren Schnaps mit staatlich verbilligtem Zucker, im Volksmund hieß er „Grogue der Demokratie“.

Heute regelt ein Gesetz das Brennen. Gebrannt wird vom 1. Januar bis zum 31. Mai, wenn sich das Rohr am besten verarbeiten lässt. Danach versiegeln die Behörden die Brennblasen.

„Grogue trinkt man nicht nur, wenn gefeiert wird“, sagt Arlindo Rodrigues. „Auch bei einer Beerdigung. Aus Respekt vor den Toten. Und zu ihrem Andenken.“

Arlindo Rodrigues in der Brennerei Dona Adélia in Ribeira da Torre. Per Gesetz darf grogue nur aus Zuckerrohr gebrannt werden.

Arlindo Rodrigues in der Brennerei Dona Adélia in Ribeira da Torre. Per Gesetz darf grogue nur aus Zuckerrohr gebrannt werden.

Zwischen Wand und Wasser

Am nächsten Morgen fahren wir nach Cruzinha an der Nordküste. Gegen neun beginnt hier unser Weg nach Ponta do Sol, fünf bis fünfeinhalb Stunden die Küste entlang, 620 Meter hinauf und 620 wieder hinunter. Die Steilküste steht im Dunst.

Über weite Strecken hängt der Weg wie ein Balkon, den man aus der Felswand gefräst hat

Immer wieder schmiegt sich der Weg um Klippen aus geschichtetem Basalt. Gepflastert und mit einer Mauer gesäumt, hängt er über weite Strecken wie ein Balkon, den man aus der Felswand gefräst hat. Darunter schlägt das Meer an den Fels.

Zu Mittag kehren wir in der Gaststube von Sónia in Boca de Coruja ein, einem Weiler am Weg. Zur Verdauung kicken ein paar von uns auf einem kleinen Betonplatz zwischen ockerfarbenen Häusern, hinter ihnen steigen die Terrassen an.

Davide Munari steigt auf grobem Pflaster den Küstenweg hinab, hinter ihm Terrassenfelder zwischen senkrechten Felswänden.

Davide Munari steigt auf grobem Pflaster den Küstenweg hinab, hinter ihm Terrassenfelder zwischen senkrechten Felswänden.

Am Nachmittag steigt der Weg in Serpentinen noch einmal aus einer Bucht heraus. Dann liegt uns gegenüber Fontainhas. Das Dorf mit knapp dreihundert Einwohnern füllt einen schmalen Felsgrat aus, blaue, rosa, gelbe und weiße Häuser dicht an dicht, ringsum Terrassen bis an die Kante. Später erreichen wir Ponta do Sol.

Eine Frau in Badelatschen trägt Bananen über das Kopfsteinpflaster. Gemalte Gesichter blicken von den Hauswänden, auf dem Platz am Meer sitzt ein alter Mann im Schatten, ein Vater lehnt mit seinem Kind an einer Wand, ein Hund trottet vorbei. Hier gehe immer eine Brise, heißt es. Es ist derselbe Wind, der oben am Berg das Grün bringt.

Nach Schätzung der Regierung leben mehr als 1,5 Millionen Kapverdier in Europa und in den USA, dreimal so viele wie auf den Inseln

Nicht immer hat das Grün gereicht. Gegangen wird bis heute. Bei der Volkszählung 2021 lebten 491.233 Menschen auf den Kapverden. Nach Schätzung der Regierung leben mehr als 1,5 Millionen Kapverdier in Europa und in den USA, dreimal so viele wie auf den Inseln.

Ponta do Sol, Ende des Küstenwegs: Alltag am Platz über dem Meer.

Ponta do Sol, Ende des Küstenwegs: Alltag am Platz über dem Meer.

Am letzten Abend, zurück auf São Vicente, essen wir in der Casa Tchicau, einem Restaurant oberhalb des Hafens von Mindelo. Eine Band spielt. Maya Duarte, eine unserer Guides, hebt das Glas. „Das, was ihr in diesen Tagen erlebt habt, nennen wir morabeza“, sagt sie. „Gastfreundschaft. Bei uns sitzt der Fremde, so wie jetzt, mit am Familientisch.“

Wovon leben Inseln, auf die kaum Regen fällt? Vom Nebel, den die Berge aus dem Passat kämmen, wie über den Drachenbäumen von Fajã. Von den Mauern, die die Erde halten. Vom Meer, aus dem Anlagen das Trinkwasser holen. Von den Gästen an den Stränden von Sal. Von denen, die gingen. Und von jenen, die blieben. Beide verbindet ein Wort: sodade. Sehnsucht.

Kurz nach neun hängt der Nebel noch am Grat. Unter ihm, am steilen Hang über dem Pflasterweg, stehen Drachenbäume.

Ein Drachenbaum sieht aus wie ein Schirm, den jemand aufgespannt und stehen gelassen hat.

Drachenbäume an einem Felsgrat über Fajã. Hier wachsen die größten Drachenbaumbestände der Kapverden.

Drachenbäume an einem Felsgrat über Fajã. Hier wachsen die größten Drachenbaumbestände der Kapverden.

Sein dicker Stamm gabelt sich nach oben wieder und wieder, und jedes Astende trägt einen Schopf aus steifen, schwertförmigen Blättern.

Dazwischen strecken Agaven ihre Blattrosetten in den Dunst.

Nirgends auf den Kapverden wachsen so viele Drachenbäume wie im Tal von Fajã

Unsere Gruppe aus Reiseveranstaltern und Journalisten ist im Tal von Fajã aufgebrochen, auf São Nicolau.

Nirgends auf den Kapverden wachsen so viele Drachenbäume wie hier und an den Hängen darüber. Das überrascht.

Ein einzelnes Haus unter dem Bergmassiv über Fajã.

Ein einzelnes Haus unter dem Bergmassiv über Fajã.

Denn auf den Inseln vor Westafrika fällt kaum Regen, im langjährigen Mittel 228 Millimeter im Jahr, fast alles davon zwischen August und Oktober.

Wovon leben Inseln, auf die so wenig Wasser fällt?

Das ist nicht einmal halb so viel wie in Berlin. Wovon leben Inseln, auf die so wenig Wasser fällt?

Die Antwort zieht gerade als Nebel über den Grat. Ihre Geschichte beginnt zwei Tage früher, auf São Vicente.

Blick in ein grünes Tal westlich von Ribeira Brava.

Blick in ein grünes Tal westlich von Ribeira Brava.

Mindelo: wo Cesária barfuß ging

Braune, kahle Bergrücken umschließen Mindelo, die Hafenstadt von São Vicente. Wir landen im Februar, mitten in der Trockenzeit.

In einer Werkstatt in der Stadt liegt ein Blatt auf der Werkbank: „Construindo Musicalidade“, Musikalität bauen.

Darunter stehen die Instrumente, die hier entstehen, auch der cavaquinho, die kleine viersaitige Gitarre der kapverdischen Musik.

Die Werkstatt geht auf Mestre Baptista zurück, der seinen Kindern das Handwerk beibrachte

Luis Baptista spannt lächelnd ein Holzteil in Schraubzwingen. Gitarren und leere Korpusse hängen an Wand und Decke, Eierkartons dämpfen den Raum.

Die Werkstatt geht auf seinen Vater zurück, Mestre Baptista, der hier bis zu seinem Tod 1997 Instrumente baute und seinen Kindern das Handwerk beibrachte.

In dieser Werkstatt lernte auch Rufino Almeida, den alle nur Bau nennen.

Skulpturen, ein Kickertisch und ein Wandbild mit dem Schriftzug „Mindel“: ein Platz in Mindelo auf São Vicente.

Skulpturen, ein Kickertisch und ein Wandbild mit dem Schriftzug „Mindel“: ein Platz in Mindelo auf São Vicente.

Er spielt cavaquinho und Gitarre und leitete Ende der 1990er-Jahre die Band von Cesária Évora, der berühmtesten Sängerin der Kapverden.

Am Morgen darauf blickt Cesária Évora selbst über die Uferpromenade, zehn Meter hoch, so hoch wie drei Stockwerke.

Der portugiesische Künstler Vhils, der Porträts aus Mauern meißelt, hat ihr Gesicht 2019 in eine weiße Hauswand gegraben. Sie lächelt, Palmwedel rahmen ihr Porträt.

Die Welt kannte Cesária Évora als barfüßige Diva

Geboren wurde sie 1941 hier in Mindelo, 2004 gewann sie für ihr Album „Voz d’Amor“ einen Grammy. Die Welt kannte sie als barfüßige Diva.

Barfuß sei sie aus Solidarität mit den armen Frauen ihres Landes aufgetreten, hieß es. Sie selbst sah das nüchterner: „Auf den Kapverden, wo ich lebte, bin ich immer barfuß gegangen.“

Zehn Meter hoch: Cesária Évora, 2019 vom portugiesischen Streetart-Künstler Vhils in eine Hauswand in Mindelo gemeißelt. Die Sängerin wurde 1941 in der Stadt geboren.

Zehn Meter hoch: Cesária Évora, 2019 vom portugiesischen Streetart-Künstler Vhils in eine Hauswand in Mindelo gemeißelt. Die Sängerin wurde 1941 in der Stadt geboren.

Auf dem Fischmarkt liegen rote Meerbarben und kleine Thunfische auf den Tischen.

Die Häuser daneben und in der Altstadt tragen Ziegeldächer und Gauben, gebaut unter portugiesischem und englischem Einfluss.

Mindelo nennt sich Stadt der Musik. Abends spielen in vielen Restaurants Bands mit Gitarre, cavaquinho und oft Geige.

Sodade ist das kapverdische Wort für die Sehnsucht nach etwas, das man verloren hat

Ihr Repertoire ist die morna: langsame, wehmütige Lieder, die auch Cesária sang.

Eines ihrer Lieder begleitet mich in diesen Tagen auf dem Kopfhörer: „Sodade“. Sodade ist das kapverdische Wort für die Sehnsucht nach etwas, das man verloren hat.

Das Lied erzählt von Menschen, die im 20. Jahrhundert ihre Insel verlassen mussten, weil Regen ausblieb und der Hunger kam. Diese Insel heißt São Nicolau.

Die letzten Farben des Tages über den Bergen am Horizont, darunter die Lichter einer Siedlung auf São Vicente.

Die letzten Farben des Tages über den Bergen am Horizont, darunter die Lichter einer Siedlung auf São Vicente.

São Nicolau: ins Land der Sehnsucht

Am Vorabend sind wir von Mindelo nach São Nicolau herübergeflogen.

Jetzt wandern wir von Fajã bergab. Die Steine des Weges sind von Hand gesetzt, links und rechts laufen Mauern, manche so dicht überwachsen, dass man sie kaum sieht.

Am Weg wächst, was die Insel hergibt: Papaya, Guave, Feigen, Mango und Tamarinde, Erbsen, Ackerbohnen und Kirschtomaten, dazu Kaffee, Ingwer, Baumwolle, Aloe und Tabak.

Alle Landreptilien, die von Natur aus auf den Kapverden leben, gibt es nirgends sonst auf der Welt

Der Wind raschelt in den Sträuchern, Hähne krähen über das Tal. In der Fuge einer rötlichen Mauer sonnt sich eine dunkle, fein gefleckte Eidechse.

Alle Landreptilien, die von Natur aus auf den Kapverden leben, gibt es nirgends sonst auf der Welt.

Sie gehören zu den Geckos oder zu den Skinken, Echsen mit glatten, glänzenden Schuppen. Schlangen gibt es keine.

Ein Skink auf einem Felsen am Weg von Fajã. Schlangen gibt es auf den Inseln nicht, wohl aber eigene Arten von Geckos und Skinken.

Ein Skink auf einem Felsen am Weg von Fajã. Schlangen gibt es auf den Inseln nicht, wohl aber eigene Arten von Geckos und Skinken.

An einem stark verzweigten Strauch bleiben wir stehen. An seinen Zweigenden sitzen schmale Blätter in Rosetten, wie kleine grüne Sterne.

Es ist tortolho, eine Wolfsmilch, die nur auf den Kapverden wächst. Ihr milchiger Saft ist giftig.

Wo der Weg steiler wird, stützen Trockenmauern die Terrassen. Es geht vorbei an verfallenen, überwachsenen Steinhäusern und durch das Dorf Fragatona.

Als Urheber von „Sodade“ wurde Armando Zeferino Soares erst im Dezember 2006 anerkannt, kurz vor seinem Tod

Am frühen Nachmittag erreichen wir Ribeira da Prata. Achthundert Meter sind wir an diesem Tag abgestiegen.

Im Nachbardorf Praia Branca lebte der Händler Armando Zeferino Soares. In den 1950er-Jahren schrieb er dort „Sodade“.

Als Urheber anerkannt wurde er erst im Dezember 2006, kurz vor seinem Tod. Praia Branca nennt sich Terra d’Sodade, Land der Sehnsucht.

Wanderer auf dem gemauerten Weg hinunter nach Ribeira da Prata.

Wanderer auf dem gemauerten Weg hinunter nach Ribeira da Prata.

Das Lied hat eine dunkle Geschichte, und sie handelt vom Wasser. In den 1940er-Jahren blieb der Regen mehrmals aus.

Nach den Berechnungen des Historikers António Carreira verhungerten damals rund 45.000 Menschen. Auf den Inseln lebten rund 180.000 Menschen: Es starb etwa jeder Vierte.

Die Arbeiter reisten im Laderaum der Schiffe nach São Tomé und wussten nicht, ob sie zurückkehren würden

Zwischen 1903 und 1970 schickte die portugiesische Kolonialverwaltung rund 80.000 Kapverdier nach São Tomé und Príncipe, einer Inselgruppe im Golf von Guinea.

Dort mussten sie auf Kaffee- und Kakaoplantagen arbeiten. Die Arbeiter reisten im Laderaum der Schiffe und wussten nicht, ob sie zurückkehren würden.

Braune, kahle Vulkanberge im letzten Licht an der Küste von São Nicolau.

Braune, kahle Vulkanberge im letzten Licht an der Küste von São Nicolau.

Davon erzählt „Sodade“. Eine Liedzeile nennt „caminho pa São Tomé“, den Weg nach São Tomé.

Später bringt uns der Wagen an die Küste. In Carbeirinho stehen wir vor einer Felswand.

Ihre Schichten liegen in Wellen übereinander, durchzogen von weißen Mineralstreifen, darunter schwarzer Sand und weite, flache Meerwasserbecken.

Die Brandung presst das Wasser durch eine Spalte im Fels, es schießt meterhoch auf

Die Brandung presst Wasser durch eine Spalte im Fels, es schießt meterhoch auf. Zum Schluss laufe ich am Strand von Tarrafal ins Meer.

Warum oben am Hang Kaffee wächst und hier unten nichts als Fels und Sand liegt, zeigt sich morgen am Monte Gordo, dem höchsten Berg der Insel.

Emmanuelle Radzynski lehnt an der wellig geschichteten Felswand von Carbeirinho auf São Nicolau, zu ihren Füßen schwarzer Sand.

Emmanuelle Radzynski lehnt an der wellig geschichteten Felswand von Carbeirinho auf São Nicolau, zu ihren Füßen schwarzer Sand.

Monte Gordo: der Nebelwald

Am nächsten Tag steigen wir hinauf in den Naturpark Monte Gordo. Er schützt 952 Hektar, gut 1.300 Fußballfelder, rund um den gleichnamigen Berg.

Der Gipfel misst 1.312 Meter. Jede dritte Pflanzenart im Park wächst nur auf den Kapverden, 28 an der Zahl.

Die Wolken kommen von zwei Seiten, berühren sich und ziehen als flacher Rasen über den Kamm

In einem kleinen Tal unter dem Grat treffen sich die Wolken. Sie kommen von zwei Seiten, berühren sich und ziehen dann als flacher Rasen über den Kamm.

Es ist derselbe Nebel, der in Fajã an den Drachenbäumen hing. Eukalyptus liegt in der Luft, am Weg wächst Wilde Möhre mit weißen Dolden.

Ein Dickblattgewächs blüht am Monte Gordo. Im Naturpark wachsen 28 Pflanzenarten, die es nur auf den Kapverden gibt.

Ein Dickblattgewächs blüht am Monte Gordo. Im Naturpark wachsen 28 Pflanzenarten, die es nur auf den Kapverden gibt.

Im Wald stehen bemooste, verdrehte Stämme, dazwischen Rosettenpflanzen, eine Lichtung verschwimmt im Dunst.

Am Wegrand blüht die língua-de-vaca, die Kuhzunge, ein Natternkopf mit rauen Blättern, rosa und violetten Trichterblüten auf roten Röhren.

Die Kuhzunge wird als Heilpflanze und als Brennholz genutzt und ist deshalb gefährdet

Sie wächst nur auf den Kapverden und ist gefährdet, denn man nutzt sie als Heilpflanze und als Brennholz.

Was wir sehen, folgt einer einfachen Physik.

Língua-de-vaca, Kuhzunge, heißt dieser Natternkopf am Monte Gordo. Die Pflanze kommt nur auf den Kapverden vor und gilt als gefährdet.

Língua-de-vaca, Kuhzunge, heißt dieser Natternkopf am Monte Gordo. Die Pflanze kommt nur auf den Kapverden vor und gilt als gefährdet.

Der Passat, der beständige Nordostwind, drückt feuchte Luft gegen die Berge. Die Luft steigt, kühlt ab und gibt ihr Wasser ab, als Nebel oder als Regen.

Deshalb misst die Wetterstation von Cachaço auf 724 Metern Höhe den meisten Regen der Insel, die im Hauptort unten auf 125 Metern den wenigsten.

Auf der Insel Brava fangen Netze aus Metall bis zu 1.500 Liter Nebelwasser am Tag

Auf anderen Inseln hat man gelernt, diesen Nebel zu ernten, mit senkrecht gespannten Netzen, an denen die Tröpfchen hängen bleiben und in Rinnen tropfen.

Auf der Insel Brava fangen Netze aus Metall bis zu 1.500 Liter am Tag, zehn Badewannen voll.

Bemooste Stämme im Nebel am Monte Gordo. Der Gipfel liegt auf 1.312 Metern.

Bemooste Stämme im Nebel am Monte Gordo. Der Gipfel liegt auf 1.312 Metern.

Sal: ein Krater voller Salz

Auf dem Rückflug nach Mindelo legen wir auf der Insel Sal einen Zwischenstopp ein.

Ihr Name ist portugiesisch und bedeutet Salz. In der Regenzeit 2024 fielen hier gerade einmal 30 Millimeter, knapp zwei Fingerbreit.

Trotzdem übernachten auf Sal und der Nachbarinsel Boa Vista gut vier von fünf Hotelgästen der Kapverden. Sie kommen wegen der Strände.

In den Salinen lässt die Sonne salziges Wasser verdunsten, bis Salz zurückbleibt

Nahe dem Ort Pedra de Lume halten wir auf einer Ebene aus Staub und Geröll. In zehn Minuten steigen wir einen kahlen Hang hinauf auf den Rand eines alten Vulkankraters.

Von dort blicken wir auf rechteckige Becken, weißlich und grau, getrennt von Erddämmen. Es sind Salinen: Dort lässt die Sonne salziges Wasser verdunsten, bis Salz zurückbleibt.

Aufstieg über den kahlen Hang zum Kraterrand von Pedra de Lume auf Sal.

Aufstieg über den kahlen Hang zum Kraterrand von Pedra de Lume auf Sal.

Im Krater lagern über 50 Millionen Tonnen. Bis 1887 verschiffte man jedes Jahr bis zu 30.000 Tonnen, vor allem nach Brasilien.

Danach ging das Geschäft zurück, 1963 kam es praktisch zum Erliegen. Heute gewinnt man hier nur noch wenig Salz, vor allem für Kosmetik.

Die Besucher kommen zum Baden in Salzlake. Wie das Tote Meer trägt die Lake den Körper, ohne dass man schwimmen muss.

Rund 90 Prozent des Trinkwassers der Kapverden stammen aus Entsalzungsanlagen

Sal hat Salz und Strände. Der Passat weht auch hier, doch der höchste Berg Sals, der Monte Grande, misst nur 406 Meter. Er ist zu niedrig, um dem Wind seine Feuchte abzunehmen.

Ihr Trinkwasser holt die Insel deshalb aus dem Meer. Rund 90 Prozent des Trinkwassers der Kapverden stammen aus Entsalzungsanlagen.

Salinen im Krater von Pedra de Lume. Bis 1887 ging von hier Salz vor allem nach Brasilien.

Salinen im Krater von Pedra de Lume. Bis 1887 ging von hier Salz vor allem nach Brasilien.

Santo Antão: Felder unter Wolken

Nach einer Nacht in Mindelo bringt uns frühmorgens die Fähre hinüber nach Porto Novo auf Santo Antão, der vierten Insel dieser Reise.

Eine halbe Stunde fährt der Wagen bergauf, durch Kiefernwälder, bis Água das Caldeiras auf 1.300 Metern. Dann öffnet sich der Cova-Krater.

Der Boden des Cova-Kraters ist kein Lavafeld, sondern ein Flickenteppich aus Äckern

Sein Boden ist kein Lavafeld, sondern ein Flickenteppich aus Äckern, gerahmt von Steinmauern. Über den Kraterrand quillt eine Wolke und sinkt auf die Felder.

Der Weg führt über den Rand und dann bergab, gepflastert und von Trockenmauern begleitet. Links liegt das Tal von Paul unter einem geschlossenen Wolkenmeer.

Eine Wolke schiebt sich über den Rand des Cova-Kraters auf Santo Antão.

Eine Wolke schiebt sich über den Rand des Cova-Kraters auf Santo Antão.

An der Felswand steigen die Wolken herauf. Am Weg wächst losna, ein Beifuß, der scharf nach Erkältungsbalsam riecht.

Es gibt ihn nur hier, auf Santiago und auf Fogo, meist über 800 Metern. Ein Falke nutzt den Aufwind und schraubt sich nach oben.

Das Gebirge von Santo Antão fängt Steigungsregen und Nebelwasser, vor allem an den Nord- und Nordosthängen. Die Süd- und Südwesthänge bleiben dagegen sehr trocken.

Über gemauerte Wasserrinnen, manche älter als 200 Jahre, gelangt das Wasser in die Terrassenfelder

Über levadas, gemauerte Wasserrinnen, manche älter als 200 Jahre, gelangt das Wasser in die Terrassenfelder der Täler.

In der Regenzeit 2024 fielen auf Santo Antão im Schnitt 495 Millimeter, sechzehnmal so viel wie auf Sal.

Hinunter ins Tal von Paul geht es rund tausend Meter, etwas mehr als auf São Nicolau. Mit jeder Kehre wird es grüner.

Auf dem Weg vom Cova-Krater ins Tal von Paul. Von unten steigen Wolken auf.

Auf dem Weg vom Cova-Krater ins Tal von Paul. Von unten steigen Wolken auf.

Am Weg stehen Agaven, dazwischen leuchten rosa Blütenähren, Schmetterlinge flattern. Ein junger Esel grast, einen Strick um den Hals.

Das Zuckerrohr blüht, weiße Rispen wie Federn vor dem grünen Talkessel.

Zum späten Mittagessen sind wir in Figueiral bei Margarida dos Santos Souza zu Gast. Sie trägt eine dampfende Schüssel aus der Küche, wir füllen unsere Teller damit.

In der cachupa hat der Mais noch Biss, und die Bohnen zerfallen auf der Zunge

Es ist cachupa, das traditionelle Gericht der Inseln, ein Eintopf aus gestampftem Mais und Bohnen.

Und sie ist köstlich. Der Mais hat noch Biss, die Bohnen zerfallen auf der Zunge, und jeder Löffel schmeckt nach den Stunden, die der Topf auf kleiner Flamme köchelte.

Als Dessert kommt camoca auf den Tisch, gerösteter, gemahlener Mais, dazu flambierte Banane.

Ein junger Esel mit Strickhalfter am Weg ins Tal von Paul.

Ein junger Esel mit Strickhalfter am Weg ins Tal von Paul.

Ein Schnaps mit Gesetz

Im Tal von Ribeira da Torre, im Weiler Longueira, wartet zwischen Zuckerrohr ein weiß gekalktes Haus mit roter Tür.

Vor der Tür frisst eine grüne Gottesanbeterin ihre Beute. Drinnen lagern Fässer vor Bruchsteinmauern. Arlindo Rodrigues stützt sich auf eines davon und lacht.

Man brennt grogue aus Zuckerrohr und aus nichts sonst

Vor ihm stehen drei Flaschen, eine klar, eine dunkel, eine gelblich, alle mit dem Etikett Dona Adélia, dem Namen des Hauses.

Hier landet Rohr, wie wir es mittags am Hang blühen sahen. Man brennt daraus grogue, Schnaps aus Zuckerrohr und aus nichts sonst.

Ein Wanderer an einer Kehre über dem Tal von Paul.

Ein Wanderer an einer Kehre über dem Tal von Paul.

Santo Antão ist die Insel des grogue. Auf 82 Prozent ihrer Ackerfläche wächst Zuckerrohr, vier Fünftel des kapverdischen grogue kommen von hier.

Ab 1993 streckten viele Brenner ihren Schnaps mit staatlich verbilligtem Zucker, im Volksmund hieß er „Grogue der Demokratie“.

„Grogue trinkt man nicht nur, wenn gefeiert wird. Auch bei einer Beerdigung“

Heute regelt ein Gesetz das Brennen. Gebrannt wird vom 1. Januar bis zum 31. Mai, wenn sich das Rohr am besten verarbeiten lässt. Danach versiegeln die Behörden die Brennblasen.

„Grogue trinkt man nicht nur, wenn gefeiert wird“, sagt Arlindo Rodrigues. „Auch bei einer Beerdigung. Aus Respekt vor den Toten. Und zu ihrem Andenken.“

Arlindo Rodrigues in der Brennerei Dona Adélia in Ribeira da Torre. Per Gesetz darf grogue nur aus Zuckerrohr gebrannt werden.

Arlindo Rodrigues in der Brennerei Dona Adélia in Ribeira da Torre. Per Gesetz darf grogue nur aus Zuckerrohr gebrannt werden.

Zwischen Wand und Wasser

Am nächsten Morgen fahren wir nach Cruzinha an der Nordküste.

Gegen neun beginnt hier unser Weg nach Ponta do Sol, fünf bis fünfeinhalb Stunden die Küste entlang, 620 Meter hinauf und 620 wieder hinunter. Die Steilküste steht im Dunst.

Über weite Strecken hängt der Weg wie ein Balkon, den man aus der Felswand gefräst hat

Immer wieder schmiegt sich der Weg um Klippen aus geschichtetem Basalt.

Gepflastert und mit einer Mauer gesäumt, hängt er über weite Strecken wie ein Balkon, den man aus der Felswand gefräst hat. Darunter schlägt das Meer an den Fels.

Gemauert und gepflastert führt der Küstenweg um eine Basaltklippe.

Gemauert und gepflastert führt der Küstenweg um eine Basaltklippe.

Zu Mittag kehren wir in der Gaststube von Sónia in Boca de Coruja ein, einem Weiler am Weg.

Zur Verdauung kicken ein paar von uns auf einem kleinen Betonplatz zwischen ockerfarbenen Häusern

Zur Verdauung kicken ein paar von uns auf einem kleinen Betonplatz zwischen ockerfarbenen Häusern, hinter ihnen steigen die Terrassen an.

Davide Munari steigt auf grobem Pflaster den Küstenweg hinab, hinter ihm Terrassenfelder zwischen senkrechten Felswänden.

Davide Munari steigt auf grobem Pflaster den Küstenweg hinab, hinter ihm Terrassenfelder zwischen senkrechten Felswänden.

Am Nachmittag steigt der Weg in Serpentinen noch einmal aus einer Bucht heraus. Dann liegt uns gegenüber Fontainhas.

Das Dorf Fontainhas füllt einen schmalen Felsgrat aus, ringsum Terrassen bis an die Kante

Das Dorf mit knapp dreihundert Einwohnern füllt einen schmalen Felsgrat aus, blaue, rosa, gelbe und weiße Häuser dicht an dicht, ringsum Terrassen bis an die Kante.

Zwei Wanderer auf dem Küstenweg von Santo Antão, gegenüber das Bergdorf Fontainhas.

Zwei Wanderer auf dem Küstenweg von Santo Antão, gegenüber das Bergdorf Fontainhas.

Später erreichen wir Ponta do Sol.

Eine Frau in Badelatschen trägt Bananen über das Kopfsteinpflaster.

In Ponta do Sol gehe immer eine Brise, heißt es

Gemalte Gesichter blicken von den Hauswänden, auf dem Platz am Meer sitzt ein alter Mann im Schatten, ein Vater lehnt mit seinem Kind an einer Wand, ein Hund trottet vorbei.

Hier gehe immer eine Brise, heißt es. Es ist derselbe Wind, der oben am Berg das Grün bringt.

Ponta do Sol, Ende des Küstenwegs: Alltag am Platz über dem Meer.

Ponta do Sol, Ende des Küstenwegs: Alltag am Platz über dem Meer.

Nicht immer hat das Grün gereicht. Gegangen wird bis heute. Bei der Volkszählung 2021 lebten 491.233 Menschen auf den Kapverden.

Nach Schätzung der Regierung leben mehr als 1,5 Millionen Kapverdier in Europa und in den USA, dreimal so viele wie auf den Inseln.

Morabeza – „Gastfreundschaft. Bei uns sitzt der Fremde, so wie jetzt, mit am Familientisch“

Am letzten Abend, zurück auf São Vicente, essen wir in der Casa Tchicau, einem Restaurant oberhalb des Hafens von Mindelo. Eine Band spielt. Maya Duarte, eine unserer Guides, hebt das Glas.

„Das, was ihr in diesen Tagen erlebt habt, nennen wir morabeza“, sagt sie. „Gastfreundschaft. Bei uns sitzt der Fremde, so wie jetzt, mit am Familientisch.“

Die Gruppe am Beginn des Küstenwegs von Cruzinha nach Ponta do Sol – unter senkrechten Felswänden, über der Brandung.

Die Gruppe am Beginn des Küstenwegs von Cruzinha nach Ponta do Sol – unter senkrechten Felswänden, über der Brandung.

Wovon leben Inseln, auf die kaum Regen fällt? Vom Nebel, den die Berge aus dem Passat kämmen, wie über den Drachenbäumen von Fajã.

Von den Mauern, die die Erde halten. Vom Meer, aus dem Anlagen das Trinkwasser holen.

Von den Gästen an den Stränden von Sal. Von denen, die gingen. Und von jenen, die blieben. Beide verbindet ein Wort: sodade. Sehnsucht.

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