Veröffentlichung in Stuttgarter Zeitung

Wo die Welt aufhört zu existieren

Die argentinische Forschungsstation Almirante Brown in der Paradise Bay. 1984 legte ein Stationsarzt Feuer, um seiner Überwinterung zu entgehen. Die roten Hütten wurden wieder aufgebaut – heute nur noch im Sommer besetzt.
Die argentinische Forschungsstation Almirante Brown in der Paradise Bay. 1984 legte ein Stationsarzt Feuer, um seiner Überwinterung zu entgehen. Die roten Hütten wurden wieder aufgebaut – heute nur noch im Sommer besetzt.

Zwischen den Wellenbergen der Drake-Passage und den Pinguin-Stätten der Antarktischen Halbinsel liegt eine Welt im Wandel. Eine Schiffsreise zu einem Kontinent, der so verletzlich ist wie nie zuvor.

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Text & Fotos: Malte Clavin

Der Albatros hängt in der Luft wie ein Scherenschnitt, völlig unbeeindruckt von der physikalischen Gewalt, die sich zehn Meter unter ihm abspielt.

Die „SH Vega“ kämpft. Es ist der „Drake Shake“, jener berüchtigte Zustand der Meeresstraße zwischen Kap Hoorn und den Südshetlandinseln, der Frühstückstassen tanzen und Passagiere blass werden lässt.

Wer in die Antarktis schippert, zahlt einen Preis. Nicht nur in Euro, sondern in Demut.

„Die Antarktis ist eine launische Gottheit“

Im Präsentationsraum, wo die Sessel fest im Boden verschraubt sind, spricht Expeditionsleiterin Mariam Pousa nicht von einer Kreuzfahrt. Sie spricht von einer „Operation“. „Die Antarktis ist keine Kulisse“, sagt sie, während das Schiff in ein Wellental sackt, „Sie ist eine launische Gottheit.“

Draußen peitscht der Westwind mit über 100 Kilometern pro Stunde Gischt über die Aufbauten. Das ist keine Übertreibung aus dem Marketing-Prospekt, sondern meteorologische Realität auf 59 Grad Süd.

Kapitän Lubo erläutert einem Gast die Funktionsweise der Schiffsstabilisatoren.

Auf der Brücke steht Kapitän Lyubomir Garciyanov, den alle nur „Lubo“ nennen, und blickt auf Monitore, deren Daten an ein modernes Flugzeugcockpit erinnern. Die „SH Vega“ ist kein klassisches Kreuzfahrtschiff, sondern ein Werkzeug der Eisklasse PC5. Für den Laien klingt das abstrakt, für den Ingenieur bedeutet es: Der Rumpf bricht Eisdicken bis zu einem Meter zwanzig.

Vier Meter lange Flossen ragen unter der Wasserlinie aus dem Stahlbauch.

„Wir sind nicht schnell, wir sind stark“, erklärt der Zweite Offizier Lucian Dragan. Er deutet auf die Anzeige der Stabilisatoren.

Vier Meter lange Flossen ragen unter der Wasserlinie aus dem Stahlbauch, gesteuert von Hydrauliksystemen, die gegen die Rollbewegung des Ozeans ankämpfen. Es ist Ingenieurskunst, die hier auf Urgewalten trifft.

Eisberge verschmelzen zu einer Symphonie aus Blau und Weiß. Schmelzwasserrillen haben filigrane Muster in die Flanken gezeichnet.

Zwei Tage später hat sich die Welt beruhigt. Der Sturm ist einer unheimlichen Stille gewichen. Die ersten Eisberge ziehen vorbei, abstrakte Skulpturen aus gefrorenem Süßwasser, die in einem Blau leuchten, das in keinem Farbfächer existiert.

Es ist ein Blau, das durch den Druck von Jahrtausenden entsteht, wenn Luftblasen aus dem Schnee gepresst werden.

Die dunklen Felsen wirken wie Warnsignale

Als Greenwich Island aus dem Dunst auftaucht, wirken die dunklen Felsen wie Warnsignale. Keine Häuser, keine Straßen, keine Zivilisation. Nur Eis, Fels und das Meer.

Das Schiff ankert vor Barrientos Island. Die Zodiacs, diese robusten Schlauchboote, die das Rückgrat jeder polaren Anlandung bilden, bringen die Gäste an den schwarzen Vulkanstrand.

Greenwich Island – meine Zauberinsel. Zerklüftete Felszacken durchstoßen die Gletscherdecke, während Nebelschwaden die Gipfel verhüllen. In dieser monochromen Welt aus Anthrazit und Weiß scheint die Zeit stillzustehen. Urgewaltig, unberührt, unwirklich.

Der Geruch trifft einen vor dem Anblick. Es riecht nach Ammoniak, nach altem Fisch, nach Leben. Tausende Esels- und Zügelpinguine bevölkern die Bucht.

Es ist keine idyllische Postkartenstille, sondern der Lärm einer geschäftigen Kleinstadt. Die Tiere watscheln, zanken, rufen. Der Name Eselspinguin ist Programm: Ihre Rufe erinnern an das „I-Ah“ von Eseln.

Eselspinguine schwimmen bis zu 36 km/h

Doch im Wasser verwandeln sich die tollpatschigen Landgänger in Torpedos. Bis zu 36 Kilometer pro Stunde erreichen sie — schneller als jedes olympische Schwimmteam.

Die Menschen stehen am Rand der Kolonie, peinlich bedacht, den vorgeschriebenen Fünf-Meter-Abstand einzuhalten.

Distanz ist wichtiger denn je. Die Vogelgrippe (HPAI H5N1) hat den Kontinent erreicht. Auf Südgeorgien hat das Virus bereits Spuren hinterlassen, nun gilt höchste Alarmstufe an der Halbinsel. 

Eine Küstenseeschwalbe, der Langstrecken-Rekordhalter unter allen Tieren: Jährlich pendelt sie von Arktis zu Antarktis und erlebt zwei Sommer. Manche Vögel legen bis zu 90.000 km in 10 Monaten zurück.

Die Expeditionsguides, vermummt und ernst, achten streng darauf, dass niemand sich in den Schnee kniet oder hinsetzt. „Kein Kontakt, keine Spuren“, lautet die Devise der IAATO, des Dachverbands der Antarktis-Reiseveranstalter.

Dieser Vogel legt jährlich bis zu 90.000 Kilometer zurück.

Am Himmel kreist eine Küstenseeschwalbe. Ein unscheinbarer Vogel mit einer unfassbaren Biografie.

Sie ist der ultimative Langstreckenpendler: Von der Arktis bis in die Antarktis und zurück legt sie jährlich bis zu 90.000 Kilometer zurück — mehr als zweimal um den Äquator.

Wissenschaftler vermuten, dass sie diese Strapaze nur übersteht, indem sie unihemisphärisch schläft — eine Gehirnhälfte ruht, die andere navigiert.

Ein Eselspinguin-Küken bettelt hartnäckig mit weit ausgestreckten Flossen nach Futter. Bald wird der Altvogel nachgeben und begehrten Krill hervorwürgen.

Der Anstieg in Neko Harbour führt durch tiefen, weichen Schnee. Oben auf dem Sattel, mit Blick auf die kalbenden Gletscher der Andvord-Bucht, wartet Alisa Baranskaya.

Die Geologin deutet auf den rosafarbenen Fels unter den Stiefeln. „Leukogranit“, sagt sie. „Entstanden tief in der Erdkruste, als Dinosaurier noch die Erde beherrschten.“

Die Antarktis ist das größte Meteoritenarchiv der Erde.

Doch die Steine erzählen noch eine andere Geschichte. Die Antarktis ist das größte Meteoritenarchiv der Erde. Rund 60 bis 70 Prozent aller weltweit gefundenen Himmelsboten stammen von hier.

Das trockene Klima konserviert sie, das weiße Eis macht sie sichtbar, und die Gletscherbewegung konzentriert sie in sogenannten Strandungszonen an Gebirgsbarrieren.

Die Sonne hinter dem Lemaire Channel scheint nicht untergehen zu wollen.

Port Lockroy auf der Wiencke-Insel ist der Gegenentwurf zur Einsamkeit.

Hier, im Palmer-Archipel, betreibt der UK Antarctic Heritage Trust das südlichste öffentliche Postamt der Welt. Ein Museumsshop, ein Stempel, ein Briefkasten — alles in einer Holzhütte, die nach Teer und Geschichte riecht.

Rund 70.000 Postkarten gehen von hier jährlich auf die Reise, auch wenn sie Wochen oder Monate brauchen, bis sie in Stuttgart-Degerloch oder Landau in der Pfalz ankommen.

Wer hier arbeitet, muss Pinguine mögen.

Vier Frauen und ein Mann managen die Station in diesem Sommer, ohne fließend Wasser, aber mit viel Enthusiasmus.

Wer hier arbeitet, muss Pinguine mögen: Rund 500 Eselspinguinpaare brüten rund um die Hütte. Langzeitstudien zeigen, dass der sanfte, reglementierte Tourismus den Tieren bisher nicht geschadet hat.

Zwei Orcas drehen sich eng umschlungen durch die antarktische See – ein seltener Anblick und ein typisches Paarungszeichen. Der gelbliche Belag auf ihrer Haut stammt von Kieselalgen, die in eisigen Gewässern gedeihen.

Am Abend schiebt sich die „SH Vega“ durch den Lemaire-Kanal. Die Passage ist an der engsten Stelle nur 700 Meter breit, die Felswände ragen bis zu tausend Meter empor. Die Sonne, die um 22 Uhr noch immer nicht untergehen will, taucht die Gletscher in ein unwirkliches Violett.

„Stell‘ Dir ein Land vor, größer als Europa und Australien zusammen, trockener als die Sahara, kälter als der Mars.“

Aleksander Borodin, ein Polarveteran mit 25 Jahren Erfahrung, steht an der Reling. „Stell‘ Dir ein Land vor, größer als Europa und Australien zusammen“, sagt er leise. „Trockener als die Sahara, kälter als der Mars.“

Es ist ein Kontinent ohne Länder, ohne Regierung, verwaltet nur durch einen Vertrag, der den Frieden und die Wissenschaft sichert.

Ein gewaltiger Eisbogen rahmt den Blick auf die dahinterliegenden Gletscher. Wellen und Schmelzwasser haben dieses Tor geschaffen – ein vergängliches Kunstwerk vor unvergänglichen, schneebedeckte Gipfeln.

Während man nach Süden blickt, wo das Eis 2000 Kilometer weit bis zum Pol reicht, wird eines klar: Die Passagiere sind hier nur Gäste. Und es liegt an jedem einzelnen, ob er als willkommener Besucher oder als biologische Gefahr in Erinnerung bleibt.

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