Sachbuch-Auszug

Spielen, Neugier, Ängste und Mut – ein Gespräch mit dem Abenteuer- Journalisten Malte Clavin

Buchcover und Kapiteleinstiegsseite
Buchcover und Kapiteleinstiegsseite

Für Prof. Gerald Hüther ist dieses Buch "ein Brückenschlag zu einer anderen Wirtschaftsordnung". Ich freue mich, Autor Thomas Juli und seinem Buch einen Beitrag geleistet zu haben. Wir sprechen über das Unbekannte, Ängste (als Chance und Mentor) und, aktueller denn je, Gelassenheit.

Key Learnings & Insights

  • Das innere Team: Sicherheits-Malte, Kreativ-Malte und der Meta-Moderator. Malte Clavin hat zwei divergierende innere Kräfte in sich entdeckt: den Sicherheits-Malte, geprägt durch Kaufmannsfamilie und Verantwortung, und den Kreativ-Malte, der fotografieren, reisen und entdecken will. Lange schienen beide unvereinbar. Die entscheidende Erkenntnis: Beide haben ihre Berechtigung, beide verfolgen eine positive Absicht. Ein dritter, innerer Meta-Moderator führt beide zu einem Kompromiss – und schafft so dauerhaften inneren Frieden. Dieses Modell hat Malte geholfen, weder die eine noch die andere Seite zu opfern.
  • Spielerische Leichtigkeit als Haltung – nicht als Zustand. Spielen bedeutet nicht Sorglosigkeit, sondern eine Haltung gegenüber dem Unbekannten: neugierig, offen, ohne zu viele Erwartungen. Auf einem Fluss in Burma wartete Malte vergeblich auf das große Foto – und lernte von einem Mönch: Akzeptiere radikal, was ist. Kümmere dich nur um das, was in deinem Einflussbereich liegt. Der Rest liegt nicht in deiner Hand. Diese Erkenntnis begleitet ihn seitdem auf jeder Reise – und bewahrt ihn davor, sich in Erwartungen zu verlieren.
  • Neugier ist eine ursprüngliche Energie – und sie wird von Angst überwältigt. Neugier spricht durch einen frischen inneren Impuls – als Ausdruck persönlicher Einzigartigkeit. Die meisten Menschen wissen um ihre Neugier, folgen ihr aber nicht – weil Angst mächtiger erscheint. Ängste werden umgangen, delegiert oder maskiert, aber nie wirklich bewältigt. Dabei ist genau das Hindurchschreiten durch die Angst das Einzige, was sie dauerhaft auflöst. Wer das einmal erlebt, kann die Angst danach nicht mehr wiederherrufen – sie ist schlicht weg.
  • Nur zwei Ängste sind angeboren – alle anderen können verlernt werden. Die Angst vor Lautstärke und der Moro-Reflex beim Fallen sind einprogrammiert. Alle anderen Ängste wurden erlernt – passiv abgeschaut, unbewusst übernommen. Das bedeutet: Sie können auch wieder verlernt werden. Malte hat das mit einer systematischen Spinnen-Desensibilisierung erlebt – und steht heute mit Vogelspinnen auf dem Kopf. Was vorher Angst war, ist jetzt Faszination. Eine echte Transformation, weil neue neurologische Verbindungen das alte Angstmuster ersetzen.
  • Die Lösung liegt innen – nicht außen. Unvorhersehbarkeit, technologische Geschwindigkeit, Komplexität – all das sind äußere Einflussfaktoren, auf die wir kaum Kontrolle haben. Wer die Lösung trotzdem im Außen sucht, greift ins Leere. Malte plädiert für den Blick nach innen: die eigenen weißen Flecken auf der persönlichen Weltkarte erschließen, neue Fähigkeiten erlernen, innere Resilienz aufbauen. Nur so wird man gegen externe Störfaktoren nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft gewappnet.

Noch auf der Hand – später auf dem Kopf. Eine Desensibilisierung hat es möglich gemacht.

Interview

Thomas: Malte, du bist Abenteuer-Journalist. Das hört sich erst mal extrem nach Spielen und Abenteuer an. Warst du immer schon so – bzw. wie wurdest du zum Abenteuer-Journalisten?

Malte: Ich komme aus einer Kaufmannsfamilie aus Lüneburg. Meine Eltern und meine beiden älteren Brüder waren Kaufleute – insofern war auch mein Weg zunächst vorgezeichnet. Also wurde ich Industriekaufmann, qualifizierte mich weiter, studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und machte einen MBA.

Und doch habe ich immer gespürt: Es gibt da noch einen weiteren Malte. Ich habe das herausgefunden, indem ich mein inneres Team aufgestellt habe. Auf der einen Seite gibt es den Sicherheits-Malte, der durch die Familiengeschichte geprägt wurde – er verfolgt die positive Absicht, die Familie zu versorgen und das Kaufmännische zu bewahren. Auf der anderen Seite gibt es den Kreativ-Malte, der fotografieren, reisen und seine Kapriolen machen will. Die beiden behaken sich und konkurrieren miteinander.

Ich habe aber gelernt, dass es Sinn macht, über diese beiden Maltes noch einen dritten zu implementieren: den Meta-Malte, den Moderator, der beide zu einem Kompromiss führt. Dieses Modell hat mir extrem geholfen. Ich stellte fest: Beide Maltes haben ihre Berechtigung, beide verfolgen eine positive Absicht. Und so konnte ich sagen: „Lieber Sicherheits-Malte, du hast jetzt acht Monate lang in einem Projekt gearbeitet, Geld verdient, die Familie versorgt. Dafür darfst du, lieber Kreativ-Malte, jetzt auch mal vier oder sogar sechs Wochen wegfahren.“ So gab es immer einen Kompromiss – und beide blieben ruhig.

Mit diesem Modell arbeite ich noch heute. Ich bin überzeugt, dass in uns allen divergierende Kräfte walten. Das hat mir auch 2004 den Ausschlag gegeben, mich mit meiner Frau und meiner Tochter für sechs Monate nach Südostasien aufzumachen. Aus dieser Reise entstanden zwei weitere: ein halbes Jahr Sri Lanka und vier Monate Malaysia. Im Zuge dessen habe ich in über 40 Medien über unsere Erlebnisse berichtet – auch darüber, was uns vorher immer abgehalten hatte, diese Reiseträume zu erfüllen.

So bin ich zum Fotografen und Journalisten geworden. Später bin ich in den Reisevortragsmarkt eingestiegen und habe mit 18.000 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unsere Erlebnisse geteilt. Über die Zeit habe ich die Latte immer ein bisschen höher gehängt: die Tigerschutzpatrouille für den WWF in Sumatra, eine fünftägige Expedition in die größte Höhle der Welt in Vietnam, eine Ranger-Ausbildung in Südafrika.

Thomas: Wenn man das eigene Hobby zum Beruf macht – inwiefern ist das noch Spielen?

Malte: Spielen ist ein ganz großer Bestandteil. Ich sehe es als Teil meines Lebensentwurfs. Spiel bedeutet immer, dass das Leben spielerisch bleibt – dass nicht zu viel Ernsthaftigkeit drin ist.

Ich gucke immer ganz bewusst, wo es für mich neue Herausforderungen gibt. Ich frage mich: Kribbelt das? Muss ich mich überwinden? Muss ich raus aus der Komfortzone – und hat das auch einen fotografisch interessanten Aspekt? Wenn das der Fall ist, gehe ich los. So bin ich zu einem Entdeckenden geworden.

Dabei ist es mir wichtig, die spielerische Leichtigkeit zu bewahren. Das habe ich bei einer Expedition in Burma gelernt. Ich hatte herausgefunden, dass es an der Grenze zu Bangladesch einen Fluss gab – den Chindwin River –, zu dem es keinerlei Bildmaterial gab. Vor meinem inneren Auge öffnete sich sofort die National-Geographic-Doppelseite.

Also flog ich hin, setzte in Hkamti mit einem alten chinesischen Fährboot auf den Fluss auf. Ich stand am Bug mit der Kamera im Anschlag und dachte: Hinter der nächsten Flussbiegung kommt sie, die Doppelseite. Nur – sie kam nicht. Nicht am ersten Tag, nicht am zweiten, nicht am dritten. Ich wurde zunehmend frustrierter. Ich erkannte: Meine Erwartungen im Kopf waren zu stark, ich wollte mich der Realität nicht stellen.

Dann lernte ich einen Mönch kennen, der mir mit einer Geschichte von einem chinesischen Farmer beibrachte: Es geht darum, radikal zu akzeptieren, was ist. Ich blieb in diesem Spiel, in der Gelassenheit. Ich kümmerte mich darum, dass alles in meinem Einflussbereich stimmte – die Kameras waren geladen und funktionierten. Der Rest lag nicht in meiner Hand.

Mit dieser Haltung gehe ich heute noch los. Für meinen letzten Trip nach Südafrika recherchierte ich zum Beispiel gar nicht viel im Vorhinein – ich wollte keine Erwartungsbilder von Tieren aufbauen. Das ist manchmal ein bisschen naiv. Aber dadurch behält alles, was um mich herum geschieht, eine gewisse Frische und Leichtigkeit. Und mit der Haltung des Spiels kann man sehr gut umgehen, wenn man sich die Selbstermächtigung zugesteht zu sagen: Das ist maximal außerhalb der Komfortzone – aber es ist nicht lebensbedrohlich.

Spiel heißt: Es gibt gewisse Regeln, aber der Zufall ist ein wichtiger Bestandteil. Ich frage mich immer: Wie gehe ich mit diesem Zufall um? Ich habe gelernt, mich möglichst selbst zu stabilisieren, resilient zu werden – und mir Kontrolle, Gewissheit und Lebensfreude zu bewahren.

Thomas: Welche Bedeutung hat Neugier in deinem Beruf?

Malte: Neugier ist für mich ein ganz wichtiger Antrieb. Ich glaube, dass Neugier durch eine innere Stimme spricht – durch einen frischen Impuls. Auf diesen frischen inneren Impuls zu achten, halte ich für extrem wichtig, weil das eine ursprüngliche Energie ist. Sie ruft ein primäres Bild hervor als Ausdruck unserer persönlichen Einzigartigkeit. Das herauszufinden ist eine wesentliche Lebensaufgabe.

Die meisten von uns wissen um die eigene Neugier – aber sie folgen ihr nicht, weil ihnen etwas im Weg steht, das weitaus mächtiger erscheint: die Angst. Und nur wenige haben gelernt, was es bedeutet, durch diese Angst hindurchzuschreiten. Viele machen stattdessen Folgendes: Ängste werden umgangen, delegiert oder maskiert – aber nicht bewältigt. Das sind drei typische Taktiken, die die Angst langfristig verstärken statt auflösen.

Gerade im Business-Umfeld ist Angst ein totales Tabu. Lieber spricht man über Leistungsunfähigkeit, Stress oder Lampenfieber. Dabei leiden 42 % aller Führungskräfte in Deutschland unter Angst – anteilig weitaus mehr als die 18 % der deutschen Bevölkerung insgesamt.

Thomas: Kannst du Beispiele nennen, wie Offenheit zu einem Aha-Erlebnis beigetragen hat?

Malte: Ja – eine Kälteausbildung in Polen, die ich mit 60 anderen Menschen machte. Gleich am ersten Tag: Wir treffen uns draußen in fünf Minuten in Shorts. Wir schauten aufs Thermometer: sechs Grad. Shorts – und was noch? Nichts. Barfuß. Okay. Also raus, alle 60, bei sechs Grad barfuß in Shorts, zwei Stunden durch den Wald gelaufen – Mund halten, sauerstoffreich atmen, bewusst gehen. Wir kamen an einem zugefrorenen Bach vorbei, hackten das Eis auf, steckten Hände und Füße ins kalte Wasser.

Am Nachmittag Eisbäder in großen Fässern, die wir vorher aufhacken mussten, weil sie komplett zugefroren waren. Jeder von uns viermal für mehrere Minuten. Ein einzigartiges Erlebnis. Als ich abends ins Bett ging, dachte ich nur: Alter, war das super. Ich bin so stolz, dass ich das geschafft habe. Die Eisbäder waren anfangs maximal unangenehm. Wenn man zu lange drin blieb, bekam man Kopfschmerzen – das war das Signal rauszugehen. Aber der Metabolismus wurde um dreihundert Prozent angefeuert, die Verdauung initiiert, das Immunsystem gestärkt.

Seit der Kälteausbildung nehme ich jeden Morgen meine kalte Dusche. Das gehört zur bombenfesten Routine meines Tages. Es gibt nichts Schöneres. Das Gefühl dieser Lebendigkeit und Präsenz ist unvergleichlich. Kein noch so starker Espresso kann das liefern. Und du machst für dich jeden Morgen schon mal einen Haken: Es war in meiner Macht. Ich habe mich entschieden, ich habe es gemacht, ich habe den Tag schon gewonnen. Egal was jetzt noch passiert – das Ding liegt bei mir. Dadurch gewinnt man ein neues Plateau an Freiheit.

Und darum geht es mir persönlich: immer wieder neue Freiheiten zu erlangen. Ich suche ganz gezielt solche Herausforderungen – mit Offenheit und der Bereitschaft, überrascht zu werden.

Thomas: Welche weiteren Antriebe außer der Neugier hast du?

Malte: Ich gucke nicht nur auf die Neugier, sondern immer auch auf Ängste. Denn natürlich bin auch ich von Ängsten geprägt. Ich weiß aber: Wir wurden letztlich nur mit zwei Ängsten geboren – der Angst vor Lautstärke und der Angst vorm Fallen. Für beides gibt es einprogrammierte Reaktionen: Weinen als Reaktion auf Lautstärke und den Moro-Reflex beim Fallen. Alle anderen Ängste sind erlernt, erworben, passiv abgeschaut. Und das heißt auch: Man kann sie wieder verlernen.

Ich habe zum Beispiel eine Spinnen- und Insekten-Angst-Desensibilisierung gemacht, weil ich viel in Regenwäldern unterwegs bin. Vorher sagte ich: So eine Vogelspinne finde ich jetzt einfach nicht so toll. Nach der Desensibilisierung – nach zweieinhalb Stunden – hatte ich so ein Tier auf der Hand und später auf dem Kopf. Und es ist wirklich so: Diese Ängste lösen sich auf. Eine wirkliche Transformation findet statt. Du bist danach ein anderer. Jetzt finde ich Vogelspinnen faszinierend. Ich kann gar nicht mehr verstehen, warum ich vorher Angst vor ihnen hatte.

Viele Menschen entledigen sich nicht ihrer Ängste. Sie haben sich in ihren Ängsten immer wieder programmiert, indem sie immer wieder dieselben Angstreaktionen, dieselben neurologischen Verbindungen befeuern. Sie kennen nicht das Gefühl, wenn die Angst nicht mehr da ist – wenn alte Angstgefühle sich aufgelöst haben und nicht länger im Gedächtnis gespeichert sind. Wüssten sie es, wäre es wahrscheinlich leichter, die Ängste zu überwinden. Das ist die große Herausforderung.

Unser Gedächtnis funktioniert so, dass wir uns etwas merken, wenn es mit einer starken Emotion verbunden ist – positiv oder negativ. Ohne Emotionen kein Gedächtnis. Und mit je mehr positiven Eindrücken du deinen Geist befüllst, umso freudvoller kannst du durchs Leben schreiten.

Thomas: Was ist ausschlaggebend, wenn wir ins Unbekannte aufbrechen?

Malte: In der modernen Unternehmensführung gibt es gerade ziemlich viele Herausforderungen: Unvorhersehbarkeit, technologische Geschwindigkeit, Komplexität, Intransparenz, Disruptionsanfälligkeit. Das sind alles äußere Einflussfaktoren. Das Problem ist: Sie lösen in uns Störgefühle aus. Und wir versuchen immer, die Lösung im Außen zu finden – durch Methoden, Prozesse, irgendwelche Tools. Wir suchen eine Lösung in einer Domäne, in der wir schlicht keine Kontrolle haben. Wir gucken aber nicht nach innen.

Ich glaube, es macht absolut Sinn, sich auf den Weg zu machen und die eigenen inneren weißen Flecken auf der persönlichen Weltkarte zu erschließen – neue Fähigkeiten zu erlernen, um gegen solche Einflussfaktoren nicht nur temporär, sondern ein für alle Mal gewappnet zu sein. Das ist für mich der richtige Weg.

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