Mr. Feelgood trifft Malte Clavin
Abenteuer-Junkie, Indiana Jones, Catweazle, Studien-Freund.
Malte Clavin verkörpert den Mut, den Aufbruch ins Ungewisse zu wagen. Was uns daran hindert, sind Ängste.
Wie auch Du besser mit Ängsten umgehen kannst, verrät Malte in dieser launigen Episode.
Key Learnings & Insights
- Sowohl als auch – nicht entweder oder. Malte Clavin dachte lange, er müsse sich entscheiden: entweder die sichere Seite oder die kreative. Der Sicherheits-Malte oder der Kreativ-Malte. Doch die entscheidende Erkenntnis war: Es ist keine Entweder-oder-Entscheidung, sondern eine Sowohl-als-auch-Entscheidung. Beide Seiten haben eine positive Absicht, beide verdienen Aufmerksamkeit. Ein innerer Meta-Moderator – der dritte Malte – balanciert beide aus und gibt ihnen abwechselnd das Wort. Dieses Modell hat Malte geholfen, sich im Leben besser zurechtzufinden und inneren Frieden herzustellen.
- Angst ist ein negativer Spiegel – kein Hindernis, sondern ein Wegweiser. Angst ist kein Aktionsmuster, sondern ein Reaktionsmuster – eine Reaktion auf eine Idee, die aus uns herausgesprungen ist und noch keine positive Emotion besitzt. Malte sieht Angst deshalb als Wegweiser: Wo Angst auftaucht, will das Leben etwas sagen. Hinter der Angst steckt immer ein Thema, dem man mehr Gewicht geben sollte. Wer durch die Angst hindurchgeht statt auszuweichen, löst sie auf – und schreibt neue neurologische Muster ins Gehirn ein, die dauerhaft bleiben.
- Selbstwirksamkeit entsteht im Unbekannten – nicht in der Komfortzone. Das Kribbeln ist kein Warnsignal, sondern ein Qualitätsmerkmal. Malte sucht auf seinen Reisen bewusst das Ungewisse: den Gletscher ohne Seil, den Busch mit Löwen, die Vogelspinne auf dem Kopf. Nicht aus Leichtsinn, sondern weil er weiß: In genau diesen Momenten entsteht Selbstwirksamkeit – das Erleben, sich selbst aus eigener Kraft weiterzubringen. Diese Erfahrung ist nicht an exotische Destinationen gebunden. Sie beginnt mit kleinen Schritten – und überträgt sich auf alle Lebensbereiche.
- Die seelische Schatzkiste verzinst sich besser als jede Geldanlage. Malte und seine Frau Annette haben drei große Familienreisen gemacht – und jedes Mal mit weniger Geld auf dem Konto, aber reicher an Erfahrungen zurückgekehrt. Erlebnisse werden Teil der eigenen Persönlichkeit. Sie haben null Gramm Gewicht, können nicht gestohlen werden und stehen jederzeit zur Verfügung. Diese seelische Schatzkiste verzinst sich über die Zeit – anders als materielle Güter, die nur Mittel zum Zweck sind. Das Finale ist das Erleben selbst, nicht das, was man dafür bezahlt hat.
- Zwischen Reiz und Reaktion liegt die Freiheit der Entscheidung. Dieser Satz von Viktor Frankl ist für Malte eines der wichtigsten Werkzeuge im Leben. Angstreaktionen sitzen in der Amygdala – der Verstand hat dort keinen direkten Zugriff. Aber zwischen dem Auslöser und der Reaktion gibt es einen Moment der Entscheidung. Wer diesen Moment erkennt und nutzt, kann anders reagieren – gelassener, bewusster, freier. Das ist keine Theorie, sondern eine erlernbare Praxis, die im Alltag genauso funktioniert wie im Dschungel.
Kapitel
00:07 – Intro: Zwei alte Studienfreunde
Holger stellt Malte Clavin als modernen Indiana Jones vor – und erklärt, wie die beiden sich von Beiersdorf-Zeiten bis heute kennen.
02:19 – Wie alles begann: Von Lüneburg über Beiersdorf nach Island
Malte erzählt von seiner Kaufmannsfamilie, seiner ersten Kamera, dem Fotoclubs in Hamburg – und einer Island-Reise, die alles veränderte.
06:00 – Das innere Parlament: Sicherheits-Malte, Kreativ-Malte und der Meta-Moderator
Maltes Modell der Selbstführung: Keine Entweder-oder-Entscheidung, sondern ein Sowohl-als-auch – moderiert von einem inneren Meta-Malte.
10:13 – Kreativität in der Kaufmannsfamilie – und die Kraft der inneren Stimme
Bruder Jens als kreativer Gegenpol zum Vater-Patriarchen. Malte über die innere Stimme, die nur eine Lobby der Größe eins hat – man selbst.
13:06 – Sinn suchen oder dankbar sein? Ein offenes Gespräch
Holger und Malte diskutieren: Brauchen wir das große Streben nach Bedeutung – oder eher Dankbarkeit und Zufriedenheit im Jetzt?
18:06 – Glaubenssätze, Mangelbewusstsein und das Spielerische im Leben
Malte über falsche Modelle, die uns schaden, ohne dass wir es merken – und warum Leichtigkeit und Spielfreude der bessere Weg sind.
22:37 – Universität der Künste, Berlin und Gifti
Malte zieht nach Berlin, studiert Kommunikation, lernt Annette kennen – und wird mit Gifti, dem inneren Kobold, konfrontiert, als die Reisepläne auf die Probe gestellt werden.
32:52 – Reisejournalismus mit Kribbeln: Südafrika und die Löwenbegegnung
Malte beschreibt seine Reise ins Ranger-Camp im Krüger-Nationalpark – und den Moment, als ein Löwe direkt auf die Gruppe blickte und brüllte.
41:29 – Angst als Wegweiser: Das Modell hinter den Abenteuern
Angst ist kein Aktionsmuster, sondern ein Reaktionsmuster. Malte erklärt, warum Ausweichen die Angst verstärkt – und nur das Hindurchgehen sie auflöst.
44:49 – Die Vogelspinne auf dem Kopf: Systematische Desensibilisierung
Schritt für Schritt – von Kinderbüchern über Stoffpuppen bis zur echten Vogelspinne. Wie man Ängste abbaut, ohne das Gehirn zu überfordern.
54:10 – Expedition Borneo: Einladung ins Unbekannte
Malte kündigt eine Expedition nach Borneo an – mit einem ortskundigen Biologen, wissenschaftlichem Ziel und maximal einer Handvoll Teilnehmenden.
01:00:36 – Abschlussfragen: Familie, Dankbarkeit und Hoffnung
Was würde Malte tun, wenn heute sein letzter Tag wäre? Für was ist er dankbar? Und warum dürfen wir mehr Hoffnung als Angst für die Zukunft haben?
Transkript
[00:07] Holger: Herzlich willkommen beim Mr. Feelgood Podcast – mit Impulsen und Inspirationen für ein Mehr an Wohlfühlgefühl, Leistungsfähigkeit, Motivation und Mut in Zeiten der Veränderung. Heute zu Gast: Malte Clavin. Hallo, lieber Malte.
[00:32] Malte: Hey, Holger.
[00:33] Holger: Was unsere Zuhörer nicht wissen: Wir kennen uns schon seit einer halben Ewigkeit. Wir sind alte Studienfreunde. Wir haben uns dann aus den Augen verloren und vor knapp einem Jahr bei einer Rednerveranstaltung wiedergetroffen – weil wir beide das Gefühl hatten, wir könnten über bestimmte Themen erzählen. Wir haben beide BWL studiert, beide bei Beiersdorf gearbeitet – Nivea-Creme, Tesafilm. Du hast danach Kurse gegeben, wenn mich nicht alles täuscht, irgendwo an einer Akademie. Und heute bist du für mich die moderne Version des Indiana Jones. Zumindest von der Bartlänge geht es ein bisschen Richtung Kettwiesel – aber in einer sehr positiven Form. Wie du dahin gekommen bist, was du heute machst, das wollen wir besprechen. Erzähl uns von deinem Lebenslauf.
[02:19] Malte: Oh Gott, wie viel Zeit haben wir? Ich versuche die kürzere Version. Ich komme aus Lüneburg, aus einer mittelständischen Kaufmannsfamilie. Die Lichter der Großstadt haben mich gelockt – und ich hatte das große Glück, trotz meines echt mittelmäßigen Abis bei Beiersdorf anzufangen.
Ich habe schnell gemerkt: Ich mache dort eigentlich dasselbe wie schon auf dem Wirtschaftsgymnasium. Steuerlehre, BWL, VWL. Mir wurde langweilig. Weil da ein anderer Malte in mir war – der Kreativ-Malte. Der hat laut geschrien. Also habe ich mir meine Kamera geschnappt, bin in Hamburg zu Fotoclubs gegangen, habe Seminare besucht. Ich hatte sogar in der Beiersdorf-Hauszeitschrift meine erste Veröffentlichung – über meine Island-Reise. Ich war vor Beiersdorf sechs Wochen auf Island, hatte an einem Tag meine gesamte Ausrüstung bei Globetrotter gekauft – mit dem, was ich in sechs Monaten Akkordarbeit zusammengespart hatte.
Diese Reise hat ziemlich viel mit mir gemacht. Ich habe mich dort Sachen getraut, die ich mich vorher nie getraut hätte – alleine unterwegs, anfangs beängstigend, im Nachhinein die richtige Entscheidung. Ein wichtiger Wendepunkt. Der Kreativ-Malte wurde richtig wachgerufen. Und dem habe ich dann mehr und mehr Raum gegeben.
[06:00] Malte: Ich dachte lange, ich müsste mich entscheiden – entweder die kreative Seite oder die sichere. Aber ich habe festgestellt: Das ist gar nicht so. Es ist eine Sowohl-als-auch-Entscheidung. Es gibt diesen Sicherheits-Malte und diesen Kreativ-Malte. Beide arbeiten zusammen, beide haben eine positive Absicht, beide haben eine Geschichte. Es ist wichtig, beiden zuzuhören.
Das klingt ein bisschen absurd, aber dieses Bild hat mir wahnsinnig geholfen – zu wissen, wer gerade in mir spricht. Ich kann meine Gedanken fast immer einem der beiden zuordnen. Das war unglaublich hilfreich, weil ich mich dann nicht verloren oder verlassen fühle.
Durch ein Coaching habe ich dann gelernt: Es macht Sinn, noch einen dritten Malte zu implementieren – den Meta-Malte, den Moderator. Der steht über beiden und erteilt je nach Situation dem einen oder dem anderen das Wort. Pass mal auf, Sicherheits-Malte: Du hast neun Monate in der Beratung super gearbeitet, Geld verdient. Danke. Und jetzt, Kreativ-Malte: Du darfst für zwei Monate raus und Indiana Jones spielen. Dann sind die Fronten geklärt. Das ist unglaublich heilsam.
[07:52] Holger: Du warst vor Beiersdorf alleine auf Island – auch mal auf einem Gletscher?
[08:06] Malte: Ja, richtig. Ich wusste damals nicht wirklich, was das bedeutet. Und Unwissenheit ist manchmal ganz förderlich – das gibt einem einen ganz frischen Eindruck. Ich habe dann aber schon gemerkt, als ich über die Gletscherspalten sprang, dass das ein mulmiges, komisches Gefühl war. Aber am Ende habe ich eine Emotion erlebt, von der ich gar nicht wusste, dass sie existiert. Ich nenne das heute Selbstwirksamkeit – sich selbst so wie Baron Münchhausen aus dem Teich herauszuziehen, über die Grenzen der Komfortzone hinaus. Ich nenne das inzwischen kribbeln: Es sollte immer einen Anteil an Ungewissem geben – sonst ist es nicht spannend genug, sonst lerne ich nicht genug.
[10:13] Malte: Der Hauptkreativteil war vorgelebt durch meinen ältesten Bruder Jens – sehr belesen, reflektiert, immer in einer Band als Bassist. Er hat intellektuell am Mittagstisch sogar mit meinem Vater, dem Patriarchen, die Oberhand gewonnen. Das hat mich beeindruckt.
Mein Vater und mein Bruder haben sich nicht so richtig gut verstanden. Ich habe für beide Domänen – Sicherheit und Kreativität – quasi Stellvertreter in meiner Familie gehabt. Und mir ist so vermittelt worden: Fotografie ist ein schönes Hobby, aber mach das Studium fertig und such dir einen sicheren Job. Aber ich habe immer gespürt: Diese kreative Seite hat eine ungeheure Macht und Kraft. Du hast für sie nur eine Lobby der Größe eins – das bist du selbst. Auf diese innere Stimme muss man hören. Das ist das Einzige, was zu einem spricht. Das ist die persönliche Einzigartigkeit.
Viele kreative Menschen sind zu schüchtern, das zuzulassen, weil das Gehirn sofort eingreift: Du bist nicht gut genug, nimm dir noch mehr Zeit. Das sind Instrumente, uns vom Energieverbrauch abzuhalten. Auch das Gehirn verfolgt eine positive Absicht. Aber es ist wichtig herauszufinden, warum man auf dieser Welt ist – alleine oder mit externer Hilfe. Bei mir hat das ein bisschen länger gedauert.
[13:06] Holger: Du hast gerade von Bedeutung gesprochen. Ich erlebe viele Menschen, die auf dieser Suche sind – aber sie nicht erfolgreich abschließen können. Manchmal frage ich mich: Sind wir überhaupt bedeutsam im kosmologischen Zusammenhang? Sollten wir nicht eher dankbar sein für das, was wir haben, statt immer nach mehr zu streben?
[14:24] Malte: Unbedingt bedeutsam – dadurch, dass wir uns als denkende und fühlende Wesen wahrnehmen können. Das ist ein unglaubliches Geschenk in einer gigantischen Leere aus Nichts und Kälte. Eine Mathematikerin hat ausgerechnet: Die Wahrscheinlichkeit, dass menschliches Leben in diesem kosmologischen Zusammenhang existiert, beträgt eins zu 400 Billionen. Wir sind der absolute Glückstreffer der Evolution.
[15:29] Holger: Da bin ich völlig bei dir. Aber macht das nicht viel mehr Sinn, dankbar zu sein – statt immer mehr zu wollen? Zufriedenheit ist für mich das eigentliche Stichwort. Nicht Glück – das ist flüchtig. Zufriedenheit ist dauerhafter. Und da haben wir vielleicht eine Ebene, auf der wir uns treffen.
[18:06] Malte: Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wir Menschen uns sehr häufig als Mängelwesen empfinden – und in falsche Modelle einzahlen. Glaubenssätze und Weltbilder, die uns schaden, ohne dass wir es merken. Dieses „Glücklich sein, wenn ich noch das mache“ – das ist immer Ausdruck eines Mangels. Eine Nicht-Wertschätzung des magischen Augenblicks, in dem wir alle bis in alle Ewigkeit jemals leben werden.
Für mich liegt die Lösung in einer Dualität: Auf der einen Seite übe ich mich in Dankbarkeit – in möglichst vielen Momenten des Tages im Augenblick zu sein und wertschätzend auf die Vergangenheit zurückzublicken. Das hat null Gramm Gewicht und spielt sich alles im Kopf ab. Auf der anderen Seite: Spielerisch erkunden, wo man noch hingehen kann. Immer in der Gewissheit: Ich bin jetzt OK, mit mir und meiner Situation. Dieses Spielerische, Leichte, Gelassene ist für mich dabei entscheidend. Kein krampfhaftes Klammern, sondern ein neugieriges Entdecken.
[22:37] Malte: Ich habe an der Universität der Künste Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert – eine gute Mischung aus kaufmännischen Grundlagen und kreativem Arbeiten. Dann in die Multimedia-Branche eingestiegen, als Konzeptor und Projektmanager durch die Multimedia-Landschaft mäandriert – was ich letzten Endes seit 25 Jahren noch immer tue.
Hier habe ich meine Frau Annette kennengelernt. Sie ist dann sehr schnell schwanger geworden – etwas zu schnell, weil wir große Reisepläne hatten. Da kam uns Amelie dazwischen. Und Gifti. Gifti ist der kleine Kobold im Kopf, der einem jede schöne Idee gleich verdirbt mit Sorgen, Nöten und Ängsten. Auf einmal sahen wir uns in ganz neuen Rollen: Mutter, Vater, Lebensgemeinschaft.
Wir sind zunächst vorsichtig gewesen – Mallorca, La Palma, Madeira. Als Amelie drei war, haben wir uns getraut: Thailand. Hat sie gut verkraftet. Und dann haben wir Mut zusammengenommen, auch gegen Giftis laute Einwände: Wie ist das mit den Jobs? Mit der Gesundheitsversorgung? Was machen wir, wenn wir zurückkommen? Trotzdem durchgezogen – insgesamt dreimal sechs Monate. Weil wir gemerkt haben: Auch wenn wir weniger Geld auf dem Konto haben, fühlen wir uns reicher. Die Erfahrungen sind Teil von uns geworden. Die besten Investitionen in unserem Leben waren nicht Aktien oder Immobilien, sondern Erfahrungen – eingezahlt in eine seelische Schatzkiste, die sich über die Zeit verzinst wie keine andere Anlage.
[32:52] Holger: Erzähl uns, was deine Reisen ausmacht – du hast das ja weiterentwickelt.
[32:52] Malte: Ein schönes Beispiel war Südafrika im Sommer, im Krüger Nationalpark. Ich habe EcoTraining kennengelernt – einen großen Ausbilder für Field Guides und Ranger. Normalerweise dauert die Ranger-Ausbildung ein Jahr. Level eins, mit dem man Gäste auf Walking Safaris führen darf, knapp zwei Monate. EcoTraining hat jetzt auch kürzere Formate entwickelt – Wochenende, eine Woche, 14 Tage – für normale Reisende.
Das reizte mich, weil ich erstens noch nie in Südafrika war und zweitens noch keine wirklich interessanten Begegnungen mit großen wilden Tieren hatte. Ich habe dem Ansprechpartner gesagt: Gib mir das Härteste, was ihr habt. Ich wusste: Es ist menschenmöglich, man stirbt nicht. Aber ich wusste auch: Im Lebensraum von Elefanten, Büffeln und Löwen wird es kribbelig – weil ich davon viel zu wenig weiß.
Und dann kam die Begegnung, die ich mein Leben nicht vergessen werde. Wir waren auf einer Walking Safari unterwegs. Unser Head Guide sagte plötzlich: Da ist ein Löwe. Ich habe nichts gesehen. Wir schauten zurück durch eine Lichtung – auf den Pausenplatz, auf dem wir noch zehn Minuten zuvor gesessen hatten. Und da kam eine Löwin – aus unserer Richtung. Sie hörte uns, drehte sich um und brüllte uns an. Dieses Brüllen ist tief, brutal und laut. Mir ist das Herz in die Hose gerutscht. Ich habe angefangen zu zittern. Die Löwin verschwand schnell – mit einem Löwen im Schlepptau.
Unser Head Guide erklärte uns danach: Das waren die Pfadfinder des Rudels. Menschen stehen bei Löwen nicht auf dem Speisezettel. Löwen jagen nur nachts. Die Körpersprache der Tiere zeigte Verunsicherung – sie mochten nicht eingekesselt sein. Und dann habe ich gelernt: Was Angst oft ausmacht, ist Unwissen. Ein Senior Guide mit tausenden Stunden Logbuch-Erfahrung sieht dasselbe als Spaziergang zum Supermarkt. Für ihn ist es statistisch gefährlicher, in einer Großstadt über die Straße zu gehen. Diese Erfahrung war faszinierend – weil ich bewusst nicht viel recherchiert hatte und mich dem Unbekannten ausgesetzt habe. Die Erfahrung war echter, intensiver, lebendiger.
[41:29] Malte: Angst ist ein großartiger Wegweiser – wie ein Mentor, der den Weg aufzeigt, aber gehen muss man ihn selbst. Warum? Weil Angst ein Reaktionsmuster ist – eine Reaktion auf eine Idee, die aus uns herausgesprochen hat, die aber noch keine positive Emotion besitzt. Das Gehirn schaltet sich schnell dazwischen. Man muss die positive Absicht erkennen: Das Gehirn will uns schützen.
Für mich ist Angst immer ein negativer Spiegel. In dem Moment, wo ich Angst bekomme, weiß ich: Da will das Leben mir etwas sagen. Guck hinter die Angst. Was ist das Thema, dem du mehr Gewicht geben solltest?
Ausweichen, delegieren, maskieren – das sind kurzfristige Linderungen. Sie lösen die Angst nicht auf, sie verstärken sie. Das Einzige, was wirklich hilft, ist hindurchzuschreiten. Man muss sich klar machen: Ängste sind Lügen, die wir uns selbst erzählen – Projektionen, Kopfkino. Das Ungewisse wird durch den schlimmstmöglichen Fall ersetzt. Voilà, das ist die Angst. Und wenn man hindurchgeht, löst sie sich auf. Das Gehirn kapiert es. Neue neuronale Verbindungen entstehen, das alte Wissen – die Angst – wird rausgeschmissen. Das kann man für sich üben, jeden Tag. Dafür muss man nicht nach Südafrika fahren.
[44:49] Malte: Ich habe auch eine Insekten-Desensibilisierung gemacht, weil ich in Regenwälder und Dschungel wollte – und wusste, da gibt es Tiere, die ich nicht freiwillig anfassen würde. Zum Beispiel: Vogelspinnen.
Bei einer systematischen Desensibilisierung fängt man mit Kinderbüchern über Spinnen an. Dann malt man selbst eine Spinne. Dann Stoffpuppen – man spielt Spinne. Das klingt beknackt, aber es wirkt. Die Spinnen werden immer realistischer. Irgendwann hält man eine Plastikspinne in der Hand, dann eine Spinnenhaut. Und irgendwann hält man das erste Beinchen einer echten Chile-Vogelspinne. Dann läuft sie über einen Finger – und in kleinen Schritten, immer unterhalb des Radars des Gehirns, geht man die Babytreppe hoch.
Am Ende war es tatsächlich möglich: Die Vogelspinne krabbelte auf meinem Kopf. Nach zweieinhalb Stunden. Und wenn ich heute eine Vogelspinne sehe, gibt es vielleicht einen kurzen Schockreflex – aber sofort überlagert von: Das ist ein wunderschönes Tier. Die Angst ist aufgelöst. Das ist großartig.
[48:33] Malte: Die Angstprogramme sitzen in der Amygdala – der Verstand hat dort keinen direkten Zugriff. Aber zwischen Reiz und Reaktion gibt es die Freiheit der Entscheidung. Das ist ein Werkzeug, das im Relevanz-Set sein sollte – immer, in jeder Situation. Wer diesen Moment erkennt, kann anders reagieren: gelassener, bewusster, freier. Genauso kann man Stress neu bewerten. Wenn ich merke, dass jemand aus meiner direkten Umgebung einen meiner Knöpfe drückt, habe ich die Wahl: Ich nehme dieses Ärger-Angebot an – oder ich entscheide mich, nicht darauf einzugehen. Die Bewusstheit einzuschalten halte ich für extrem wichtig.
[51:39] Malte: Ich recherchiere vor Reisen bewusst nicht zu viel – ich setze mich dem Unbekannten aus, lasse mich überraschen und wachse daran. Das Gehirn befindet sich auf Reisen auf einem höheren Bewusstseinszustand. Man ist aufmerksamer, die Zeit verstreicht langsamer und intensiver. Ich schmecke anders, sehe anders, gehe anders auf Menschen zu. Auf Reisen bin ich wirklich Malte Clavin – keine Rolle, die ich spiele. Das sind tolle Spielfelder, sich selbst neu zu erleben.
[54:10] Holger: Du bietest ja auch an, dich auf einer Reise zu begleiten. Was gibt es da?
[54:10] Malte: Im März nächsten Jahres gehe ich auf eine Expedition nach Borneo – zusammen mit Lars, einem deutschen Biologen, der dort lebt und ein großer Kenner der Flora und besonders der Fauna Borneos ist. Wir gehen in ein Gebiet, wo wirklich noch niemand war – einer der letzten echten weißen Flecken auf dem Erdball.
Die Expedition hat auch einen wissenschaftlichen Sinn: Wir wollen nachweisen, ob dort ein bestimmter Vogel und eine Schleichkatze existieren. Wenn ja, können wir Mittel für tiefergehende Forschung und im besten Fall die Einrichtung eines Schutzgebietes anstoßen. In Borneo werden durch Palmölplantagen immer mehr Habitate zerstört – es ist von eklatanter Wichtigkeit, diese Gebiete zu schützen.
Wir haben vier Übernachtungen im Busch, in speziellen Ein-Mann-Hängematten. Alle Ausrüstungstipps kommen von Lars – auf den ist Verlass. Wir können eine kleine Gruppe von Menschen mitnehmen, die Lust haben, wirklich ins Unbekannte aufzubrechen. Es ist keine TUI-Reise – aber erlebt werden wird etwas. Und ich freue mich sehr darauf, Menschen dabei zu begleiten, wie sie für sich neues Terrain erschließen.
[01:00:36] Holger: Wenn heute dein letzter Tag wäre – was würdest du tun?
[01:00:58] Malte: Ich würde mich liebevoll von meiner Kernfamilie, meinen Freunden und meiner Familie verabschieden. Viel Dankbarkeit äußern, viele Liebeserklärungen wiederholen – und das Gefühl haben, dass es nur ganz wenige Dinge gibt, die ich vielleicht noch nicht gemacht habe.
[01:01:26] Holger: Was sind die drei Dinge, für die du am dankbarsten bist?
[01:01:30] Malte: Die drei Dinge haben drei Namen: Annette, meine Frau. Amelie, meine große Tochter. Und Smilla, meine kleine Tochter. Alles andere darüber hinaus ist ein wahnsinniges Geschenk – und dafür bin ich jeden Tag dankbar.
[01:01:51] Holger: Was war das schönste Kompliment, das dir jemals jemand gemacht hat?
[01:01:54] Malte: Der Heiratsantrag von Annette.
[01:01:58] Holger: In welchem Land würdest du gerne leben?
[01:02:04] Malte: Ich würde hier bleiben. In Berlin. Ich fühle mich hier wahnsinnig wohl. Ich mache einfach verlängerte Wochenenden daraus. Ansonsten darf gerne alles genauso bleiben, wie es ist. Ich fühle mich seelisch bestens versorgt.
[01:02:39] Holger: Was darf in deinem Rucksack nie fehlen?
[01:02:39] Malte: Ein Bild von meiner Familie. Und ein Notizbuch – ich bin unterwegs immer noch analog. Ich schreibe gerne auf Papier.
[01:03:03] Holger: Mit wem würdest du für einen Tag die Rollen tauschen?
[01:03:03] Malte: Mit Steven Wilson – einem meiner Lieblingsmusiker, ein Brite. Ein genialer Musiker, der wunderbare Arrangements schreibt – gefühlvolle Songs und instrumentale Virtuosität. Ich würde gerne einmal auf der Bühne stehen und mit dem Publikum in diesen genialen musikalischen Energieaustausch kommen.
[01:03:41] Holger: Wenn du die absolute Wahrheit über eine Sache erfahren könntest – welche Frage würdest du stellen?
[01:03:51] Malte: Gibt es noch ein höheres Bewusstsein – und wenn ja, wie sieht es aus? Was wir Menschen mit Zeit und Raum als Vehikel gebaut haben, kann nicht alles sein – weil wir wissen, dass Zeit und Raum unendlich sind. Also muss es irgendetwas dahinter geben. Das wird uns vielleicht die Quantenphysik irgendwann erklären. Das wäre meine Frage.
[01:04:50] Holger: Wenn du eine Sache auf der Welt verändern könntest – welche wäre das?
[01:04:50] Malte: Dass wir Menschen uns nicht mehr als Mängelwesen empfinden, geprägt aus Egoismus – sondern dass wir stärker als Gruppenbewusstsein agieren. Das würde uns, so hoffe ich, wirklich helfen, die großen Probleme in den Griff zu bekommen: Kriege, Klimawandel.
[01:05:28] Holger: Warum dürfen wir mehr Hoffnung als Angst für die Zukunft haben?
[01:05:36] Malte: Weil es erstens eine ganze Menge Statistiken gibt, die belegen, dass die Zukunft blendend aussieht – dazu empfehle ich die Werke von Steven Pinker und Hans Rosling. Und weil wir zweitens immer die Freiheit der Entscheidung haben. Es fängt immer bei uns an. Zwischen dem Reiz und unserer Reaktion liegt die Freiheit, anders zu reagieren – sich nicht in Ängsten aufzureiben, sich nicht mit Störgefühlen gemein zu machen. Ich kann trotzdem ein glücklicher und erfüllter Mensch sein, für eine gute Sache kämpfen und gleichzeitig innerlich zufrieden bleiben.
[01:06:41] Holger: Das ist ein sehr schönes Schlusswort. Ich fand es eine wunderbare, anregende Diskussion. Du hast uns aufgezeigt, wie befriedigend es ist, seiner kreativen Seite Raum zu geben, Unbekanntes zu entdecken – und dabei Ängste zu verlieren. Neugierde steckt da ganz stark mit drin. Herzlichen Dank, lieber Malte. Und ein Dankeschön an alle Zuhörerinnen und Zuhörer. Bis zum nächsten Mal!
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