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Wie man Angst als Potenzialraum erschließt

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Heiko Bartlog, Christoph Karsten, Guido Bosbach 41 Min. Deutsch

ANGST – ein wirklich großes Thema!

Angst kann uns lähmen und Angst kann uns antreiben. Egal, wie Angst auf uns wirkt, sie ist nichts, was wir favorisieren und gerne in unser Leben lassen. Doch Angst existiert, ist sogar lebenswichtig! Was also, wenn man Angst bewusst akzeptiert und daraus Mut entwickelt? Was, wenn man erkennt, wie mutig man sein kann, ohne Panik zu bekommen? Wenn man Schritt für Schritt seine Grenzen auslotet und ausweitet?

Der mutige und sich seiner Ängste sehr bewusste Malte Clavin hat uns die große Freude gemacht, unsere zweite Staffel mit diesem wirklich spannenden Thema zu beschließen. „Was kann man tun, um das Thema Angst zu enttabuisieren? Wie kann man Angst als Potenzialraum erschließen?“ ist sein Thema für uns.

Wir sprechen darüber, wie wichtig Emotionen sind, dass man lernen kann, sich mehr zu (zu-) trauen, sich mit Herausforderungen auch wohlfühlen zu können und wie sehr es sich lohnt, Angst als Wegweiser zu den persönlich wirklich wichtigen Themen zu begreifen. Denn Angst ist viel öfter, als wir es für uns wahrhaben wollen, so attraktiv, weil sie eben doch kontrollierbar(er) ist, als das vollkommen unbekannte Zielszenario nach dem Überwinden der Angst.

Und, über Angst spricht man nicht, denn Angst macht uns nun mal auch: verletzlich.

Key Learnings & Insights

  • Angst ist kein Versagen – sondern ein Wegweiser. In Unternehmen gilt Angst noch immer als Tabu: gleichgesetzt mit Leistungsverlust und Schwäche. Dabei ist Angst etymologisch von „Enge“ abgeleitet – sie versperrt etwas, das es wert wäre, entdeckt zu werden. Malte Clavin hat für sich gelernt, Angst nicht als Hindernis zu sehen, sondern als Signal: Wo Angst ist, ist ein wichtiges Thema. Wer durch die Angst hindurchgeht, findet auf der anderen Seite neue Freiheit – und neue neurologische Verbindungen im Gehirn, die sich festigen und stärken.
  • 42 % der Führungskräfte leiden unter Angst – und schweigen darüber. Eine Studie belegt: 42 % aller Führungskräfte in Deutschland leiden unter Angst, 18 % der arbeitenden Bevölkerung unter Angststörungen. 91 % aller Frühverrentungen gehen auf Angststörungen zurück. Diese Zahlen zeigen, wie teuer das kollektive Schweigen ist – nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich. Unternehmen, die Angst tabuisieren, schneiden sich von enormem Potenzial ab: an Kreativität, Engagement und emotionaler Bindung ihrer Mitarbeitenden.
  • Aufgelöste Angst kann nicht wiederhergestellt werden – das ist die gute Nachricht. Malte hat erlebt, dass Ängste sich tatsächlich auflösen lassen – durch das bewusste Hindurchgehen. Und das Erstaunliche: Wer danach versucht, die Angst wieder aufzurufen, schafft es nicht. Das Gehirn hat neurologisch etwas Neues aufgebaut. Gleichzeitig gilt: Ängste generalisieren sich wie ein Virus im Gehirn – wer eine Angst nicht angeht, legt den Grundstein für weitere. Wer hingegen lernt, eine Angst aufzulösen, beginnt auch andere Ängste zu hinterfragen. Die Aufwärtsspirale funktioniert genauso wie die Abwärtsspirale.
  • Emotionen gehören ins Unternehmen – nicht an die Eingangstür abgegeben. Viele Mitarbeitende geben ihre Emotionen beim Betreten des Büros gewissermaßen ab. Dabei sind bis zu 95 % aller Entscheidungen emotional geprägt – und emotionale Bindung ans Unternehmen lässt sich ohne Emotionen schlicht nicht aufbauen. Check-ins zu Beginn von Meetings, anonyme Anlaufstellen für schwierige Themen und eine vereinbarte Feedbackkultur nach dem Vier-W-Prinzip (Wertschätzung, Wahrnehmung, Wirkung, Wunsch) sind konkrete erste Schritte, um Emotionalität sicher in den Arbeitsalltag zu integrieren.
  • Work-Life-Balance ist das falsche Konzept – es gibt nur eine Life-Balance. Die Vorstellung, Mensch und Mitarbeiter seien zwei verschiedene Persönlichkeiten, ist nicht nur unrealistisch, sondern schädlich. Malte plädiert klar: Es gibt keine Work Personality und keine Freizeit Personality. Es gibt nur einen Menschen. Unternehmen, die das begreifen und Mitarbeitende nicht als Ressourcen, sondern als Menschen mit Potenzial, Ängsten und Stärken sehen, schaffen die Voraussetzung für echte emotionale Bindung, echte Innovation und echtes Wachstum.

Kapitel

00:23Vorstellung: Malte Clavin als Gast
Christoph stellt Malte als Speaker, Abenteurer und Unternehmensberater vor – und kündigt das Thema der Folge an.

01:18Das Thema: Angst in Unternehmen enttabuisieren
Malte stellt seine Ausgangsfrage vor: Wie können Unternehmen einen gesünderen Umgang mit Angst entwickeln? Mit erschreckenden Zahlen: 42 % der Führungskräfte leiden unter Angst, 91 % der Frühverrentungen gehen auf Angststörungen zurück.

06:00Angst im Berufsalltag: Wie Malte ihr begegnet
In Konzernen zeigt sich Angst oft als „Tube-Denken“ – Zuständigkeitsgrenzen, Rückzug, fehlendes unternehmerisches Denken. Malte beschreibt, wie er damit in seiner Berater- und Speaker-Rolle umgeht.

09:05Hat Malte selbst Angst?
Ja – aber er hat gelernt, Angst als Wegweiser zu verstehen. Angst kommt von Enge und versperrt etwas Wichtiges. Wer hindurchgeht, löst sie auf – und kann sie danach nicht mehr wiederherrufen.

12:17Was können Unternehmen konkret tun?
Die Runde diskutiert: Check-ins in Meetings, anonyme Anlaufstellen, Feedbackkultur nach dem Vier-W-Prinzip – und warum die Angst vor der Angst oft das eigentliche Problem ist.

19:47Verletzlichkeit, Emotionen und die Hinterbühne
Guido, Heiko und Christoph vertiefen: Was passiert jenseits des geschützten Raums? Wie bringt man Emotionalität dauerhaft ins Unternehmen – nicht nur als Workshop-Inszenierung?

32:04Maltes Fazit: Fehlerkultur, Fass leeren, Mensch sein
Malte greift die Diskussion auf: Formate wie das „Fass leeren“ vor Meetings, Mentoren als Vertrauensanker – und sein klares Plädoyer: Es gibt keine Work-Life-Balance, nur eine Life-Balance.

37:46Was kostet Angst Unternehmen wirklich?
Krankentage, Frühverrentungen, Angststörungen – das lässt sich beziffern. Aber das größte Potenzial, das durch Angst verloren geht, bleibt unsichtbar: Kreativität, Engagement, Innovation.

40:24Abschluss und Ausblick
Christoph bedankt sich – und kündigt an, das Thema Angst in Schulen und Gesellschaft für eine künftige Folge aufzuheben.

Transkript

[00:23] Christoph: Herzlich willkommen, Malte Clavin. Malte ist Speaker, Abenteurer und Unternehmensberater. Als Speaker verspricht er mitreißende, unterhaltende und verändernde Impulse – er spricht nur über Themen, für die er brennt, die er selbst erlebt, durchlebt und manchmal auch überlebt hat. Er nimmt Teilnehmende mit auf seine Expeditionen und bringt ihnen einzigartige Tools und Methoden bei, die ihnen Challenges wie Eisbaden, Apnoetauchen, Fallschirmspringen, Dschungel- und Wüstentouren und Weltreisen mit Familie ermöglichen. Als Unternehmensberater ist er seit 1996 weltweit gefragt und hat mehr als 40 Digitalprojekte in 12 Ländern begleitet. Wir sind gespannt, welches Thema du uns heute mitgebracht hast.

[01:18] Malte: Ich möchte gerne über ein Thema sprechen, das mich seit vielen Jahrzehnten beschäftigt und das in weiten Bereichen der Gesellschaft – und vor allem in Unternehmen – noch immer stark tabuisiert ist. Es geht nicht um Sex, sondern um Angst.

Ich habe vor ein paar Jahren eine erschreckende Statistik gelesen: 42 % aller Führungskräfte in Deutschland leiden unter Angst. Eine weitere Studie sagt, dass 18 % der arbeitenden Bevölkerung unter Angststörungen leiden. Und ich frage mich: Was können Unternehmen tun, um einen gesünderen Umgang mit diesem Thema zu ermöglichen? Angst ist weithin tabuisiert. Angst ist gleichgesetzt mit Leistungsverlust, mit Versagen. Angst zeigt man nicht, hat man nicht, darf man nicht haben.

Die einzige Angst, die in Unternehmen einigermaßen akzeptiert ist, ist Lampenfieber vor einer Präsentation. Alles andere wird versteckt, delegiert oder umgangen. Wer von Angst befallen ist, darf das nicht erzählen – man landet sofort in der Loser-Ecke. Ich glaube, dass da eine starke Korrelation zu krankhaften Angststörungen besteht, zu mehr Krankheitstagen, bis hin zu Frühverrentungen. Und 91 % der Frühverrentungen gehen auf Angststörungen zurück, der Rest auf verschiedene Süchte. Das finde ich ziemlich dramatisch.

Wir brauchen dringend einen viel gesünderen Umgang mit dieser starken Emotion – vor allem im betrieblichen Kontext. Nicht durch Maskieren, Delegieren oder Ausweichen, sondern indem man lernt, durch Ängste hindurchzugehen und sie aufzulösen. Das schafft Freiheit, Energie – und eine positive Aufwärtsspirale für Mitarbeitende und Unternehmen.

Meine Frage an euch: Wie müssten sich Unternehmen aufstellen, damit Angst nicht mehr tabu ist, sondern als große Chance begriffen wird? Wenn man Mitarbeitende nicht als Ressourcen sieht, die einfach funktionieren müssen, sondern als Menschen mit großem Potenzial – das man entdecken und entfalten kann?

[05:23] Malte: Ich selbst biete Formate an, in denen ich Mitarbeitende, Führungskräfte und C-Level-Verantwortliche befähige, ihre Ängste anzuschauen. Ich nenne es meistens nicht Angst, sondern Mut – das ist einfach ein anderes Label. Das ist meine Nische. Aber die Generelfrage bleibt: Wie bringt man das Thema Angst in Unternehmen so ins Gespräch, dass es als Chance, als Wegweiser, als riesiger Potenzialraum erlebt wird?

[06:00] Christoph: In welcher Form begegnet dir Angst in deiner Rolle als Unternehmensberater und auf deinen Expeditionen?

[06:16] Malte: In verschiedenen Facetten. Typisch in größeren Konzernen ist dieses Tube-Denken: Ich bin dafür nicht zuständig. Das wird kompliziert. Ich vermisse sehr häufig unternehmerisches Denken – Dinge in die Hand nehmen, vorantreiben, den eigenen Erlaubnisbereich auch mal bewusst überschreiten. Viele verharren im Cubicle-Denken: Das ist mein Aufgabenbereich, alles andere geht mich nichts an. Das hat oft mit Angst zu tun – mit der Angst, aufzufallen, zu scheitern, beurteilt zu werden.

Ich habe das zum Beispiel erlebt, als ich für einen Beratungskunden ein Panel moderiert habe. Es gab fachlich bessere Kandidaten im Unternehmen – aber die wollten nicht, weil sie sich nicht wohlfühlten. Und ich kann als Berater niemanden zu etwas befähigen, was außerhalb meines Mandats liegt. Manchmal frage ich: Darf ich kurz fünf Minuten spiegeln, was mir aufgefallen ist? Manchmal funktioniert das – manchmal nicht. Keine Beratung ohne Mandat.

[09:05] Christoph: Hast du selbst Angst?

[09:07] Malte: Natürlich habe ich Angst – sehr häufig sogar. Ich nenne es vielleicht nicht immer so, weil ich gelernt habe, dass negative Externalisierung – also ständig mit anderen darüber reden – Dinge nicht unbedingt verbessert, sondern manchmal verstärkt.

Ich habe Angst für mich anders interpretiert: Angst ist ein Wegweiser. Angst kommt von Enge und versperrt häufig etwas. Wir schauen aber gar nicht hin, was sie versperrt – wir schauen nur auf das Hindernis, auf die Projektion. Im schärfsten Sinne ist Angst eine Lüge, weil wir dem Worst Case glauben – nicht der Wahrheit, die durch eigenes Erleben zutage gefördert werden könnte.

Ich habe die Erfahrung gemacht: Wo Angst ist, ist ein wichtiges Thema. Welches Thema ist das? Warum ist mir das wichtig? Und dann gehe ich hindurch. Und das ist tatsächlich passiert – die Angst hat sich aufgelöst. Ich habe versucht, sie wiederherzustellen. Es funktionierte nicht.

Das Gefühl, das mit der Angstauflösung verbunden ist, kennen wir nicht – wir haben keine emotionale Verbindung mit diesem Zielzustand. Was wir kennen und gut habituiert haben, ist der Angstzustand. So pervers das klingt: Im Angstzustand habe ich eine Art Kontrolle, weil ich ihn kenne. Aber auf der anderen Seite wartet ein erhebendes, neues Freiheitsgefühl – und neue neurologische Verbindungen im Gehirn, die sich festigen. Das möchte ich gerne mehr Menschen zugänglich machen.

[11:52] Malte: Vielleicht müssen wir das Thema einfach größer machen: Angst ist ein Mentor, eine Chance, ein unglaubliches Energiepotenzial. Wenn wir durch sie hindurchgehen und erleben, dass sie sich auflöst – dass sie nur eine Chimäre war –, dann können wir plötzlich wieder durchatmen, erleben uns neu und fühlen uns großartig.

[12:17] Christoph: Ich hatte kürzlich einen Workshop bei einem Kunden – ein World Café. Auf einem der großen Flipcharts stand riesengroß das Wort „Angst“. Ich fand das toll: Es ist sichtbar, es liegt auf dem Tisch. Danach wurde ich gefragt, ob ich das Fotoprotokoll so abändern könnte, dass dieses Wort darin nicht auftaucht. Ich habe abgelehnt. Es war vereinbart, dass alle Teilnehmenden das vollständige Protokoll erhalten. Und ich sagte: Das wäre aus meiner Sicht noch schlimmer. Hier war jemand mutig genug, es auszusprechen – das ist doch eine großartige Chance, in den Dialog zu gehen. Aber offenbar herrschte eine so große Angst vor dem Thema Angst, dass es weggekürzt werden sollte.

[14:22] Guido: Es ist nicht nur die Angst vor der Angst – es ist die Angst vor Emotionalität insgesamt, die in Unternehmen herrscht.

[14:43] Heiko: Mut wollen alle – deswegen verkaufen sich Mut-Workshops wahrscheinlich besser als Angst-Workshops. Mutig sein und vorangehen ist ein Wert. Aber ich glaube, in Unternehmen haben viele auch Angst vor dem Mut: davor, Entscheidungen zu treffen, sich zu exponieren, die eigene Meinung zu vertreten.

[17:55] Heiko: Angst ist evolutionstechnisch überlebensnotwendig – der Säbelzahntiger und so weiter. Aber heute haben wir kaum noch existenziell bedrohliche Ängste. Das Stammhirn kann das jedoch nicht unterscheiden. Es interpretiert moderne Situationen wie eine akute Bedrohung. Und das Adrenalin, das dann ausgeschüttet wird, lässt sich nicht einfach abbauen. Dauerstress im Job ist nicht punktuell wie ein Angriff – er ist chronisch. Das macht es gesundheitlich so brisant.

[18:20] Guido: Genau das ist der Kern: Es geht auch um Verletzlichkeit. Ich habe Angst, etwas zu tun, weil ich dadurch angreifbar werde – fachlich, aber auch persönlich auf einer viel tieferen emotionalen Ebene. Das ist das, was im Job wirklich gefährlich wird. Brené Brown hat dazu großartige Arbeiten vorgelegt – ihr Buch und ihre Vorträge zu „Dare to Lead“ zeigen: Führung braucht Verletzlichkeit. Das wird jedoch kaum vorgelebt.

[22:14] Guido: Das Stichwort ist Achtsamkeit. Sich überhaupt der eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusst zu werden, passiert in Unternehmen nicht. Man muss ja einen Job abarbeiten. Aber genau das erzeugt Konflikte – und dann hat man Angst vor dem Konflikt. Emotionen ansprechbar zu machen, ihnen in einem täglichen Stand-up oder Check-in Worte zu geben, wäre schon ein wertvoller Ansatz.

[23:27] Christoph: Bei einem Airbus-Zulieferer, bei dem ich früher tätig war, erzählte jemand während der Kaffeepause eine lustige Geschichte vom Wochenende. Der Geschäftsführer ging vorbei und sagte laut genug für alle hörbar: „Wer lacht, hat Reserven.“ Er ist einfach weitergegangen.

Ich glaube, Angst ist eine ganz besondere Form der Unfähigkeit vieler Unternehmen, mit Emotionen umzugehen. Eine einfache Intervention: Check-ins zu Beginn und Ende von Meetings. Die Frage „Wie geht es dir gerade?“ klingt simpel – aber wenn sie regelmäßig gestellt wird, in einem Raum, in dem niemand ausgelacht wird, wenn er sagt „mir geht es heute nicht gut“, entsteht etwas Wertvolles. Das habe ich erlebt. Die Menschen sind erleichtert. Es ist erlaubt, sie werden gesehen und ernst genommen – das alleine bringt schon sehr viel.

Ein zweiter Punkt: Feedbackkultur. Das Vier-W-Prinzip – Wertschätzung, Wahrnehmung, Wirkung, Wunsch – als vereinbartes Format für gegenseitiges Feedback. Wenn alle das kennen und vereinbart haben, gibt es Feedback auf Augenhöhe, ohne Angst vor Repressalien.

[31:17] Guido: Als Führungskraft Verletzlichkeit zu zeigen – auch mal einen Fehler zu machen, auch mal Angst zu haben – das wäre der stärkste Hebel. Und vielleicht braucht es auch jemanden von außen, der diesen Rahmen hält und konsequent durchzieht.

[32:04] Malte: Vielen Dank – da waren großartige Aspekte dabei. Das Bild, das eine Führungskraft beschrieben hat, fand ich besonders treffend: Ich muss erst das Fass leeren, bevor ich etwas Neues hineinfüllen kann. Also erst die Leute abholen, mit einem Kartenspiel für Emotionen, alles auf den Tisch legen. Dann: Fass leer. Jetzt kann ich anfangen.

Das Mentorship-Modell finde ich ebenfalls wichtig: eine Vertrauensperson im Unternehmen, an die man sich im Vier-Augen-Gespräch wenden kann. Und der Vier-W-Fahrplan für Feedback – das adressiert genau das: Ich möchte nicht, dass mit mir so umgegangen wird wie mit dem „Wer lacht, hat Reserven“. Das kann man wertschätzend, klar und ohne Anklage ansprechen.

Und noch ein Satz, der mir wichtig ist: You’re only as sick as your secret. Wenn ich Angstgeheimnisse mit mir herumtrage und sie in mir ausbrüte, werden Störungen induziert oder verstärkt. Ich möchte als Mensch wahrgenommen werden – vollständig, nicht nur als Ressource. Wir sind emotionale Wesen. Bitte.

Work-Life-Balance – dieses Wort kann ich nicht mehr hören. Es gibt keine Work Personality und keine Freizeit Personality. Es gibt einen Menschen. Und es gibt eine Life-Balance. Wir haben Remote Work, flexible Arbeitszeitmodelle – wir haben alle Freiheiten, auch emotional besser miteinander umzugehen. Lass uns diese hässliche Ratze der Angst endlich als Chance begreifen. Wenn wir sie geheim halten, macht sie uns krank.

[37:46] Guido: Gibt es Studien dazu, was Angst Unternehmen kostet?

[37:51] Malte: Definitiv. Man kann sehr genau beziffern, wie viele Fehltage auf bestimmte Krankheitsphänomene zurückgehen, wie viele Frühverrentungen auf Angststörungen basieren. Die Angststörungen haben sich seit den 1980er-Jahren verdoppelt – auch weil sie heute erst diagnostiziert werden, für die es damals noch kein Label gab. Das lässt sich ziemlich konkret beziffern. Aber der viel größere Teil bleibt unsichtbar: das Potenzial an Kreativität, Engagement und Innovation, das durch Angst schlicht nicht entfaltet wird.

[39:13] Malte: Noch ein wichtiger Punkt: Ängste generalisieren sich im Gehirn wie ein Virus. Wenn ich in einem Bereich Angst bekomme, breitet sie sich aus und wird in ganz vielen anderen Situationen gespielt. Das Gegenteil gilt aber genauso: Wenn ich erlebe, dass ich eine Angst auflösen kann, fange ich an, auch andere Ängste anzuschauen. Es gibt die Abwärtsspirale – und es gibt die Aufwärtsspirale. Beide funktionieren.

[40:24] Christoph: Ich würde das gerne an dieser Stelle abrunden. Malte, herzlichen Dank – ein sehr spannendes und erfrischend anderes Thema, das wir in dieser Form noch nicht hatten.

[40:46] Malte: Gern.

[40:48] Guido: Danke und tschüss.

[40:54] Malte: Tschüss.

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