Think Twice

Die Freiheit von New Work

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Niels Benson, Patrick Breitenbach 98 Min. Deutsch

Episode 5: Die Freiheit von New Work

Heute haben wir Malte Clavin zu Gast. Malte wechselt spielerisch zwischen Rolle als digitaler Produktentwickler und dem Weltreisenden (mit Kind). Zwischen Konzern-Freelancer und Geo-Fotograf.

In dieser Episode geht es um den Wandel in der Arbeitswelt, um “New Work” , um Mut und um Haltung.

Key Learnings & Insights

  • Das innere Parlament: Sicherheit und Kreativität brauchen beide Raum. Malte Clavin beschreibt sich selbst nicht als eine Person, sondern als viele – sein „inneres Parlament“. Der Sicherheits-Malte und der Kreativ-Malte verfolgen unterschiedliche Ziele, brauchen aber beide Liebe und Aufmerksamkeit. Wer einen zu sehr vernachlässigt, lässt den anderen verkümmern. Die Kunst liegt im bewussten Ausbalancieren beider Seiten – moderiert durch einen inneren „Meta-Malte“, der beide im Blick behält. Dieses Modell lässt sich auf jeden Menschen übertragen: Wer seinen eigenen inneren Konflikt benennen kann, kann ihn auch lösen.
  • Gifti ist immer reaktiv – der erste Impuls zählt. Gifti – der innere Kobold im Kopf – bringt jede schöne Idee sofort zum Erliegen und infiziert sie mit Sorgen, Nöten und Ängsten. Das Entscheidende: Gifti kann immer nur reagieren, nie selbst initiieren. Am Anfang steht immer ein frischer, schöner Impuls – die Stimme der eigenen Seele. Wer dieser Stimme Raum und Zeit gibt, handelt, bevor Gifti überhaupt in Gang kommt. Das gilt für Reisen genauso wie für berufliche Entscheidungen oder kreative Projekte.
  • Werkstolz als Grundmotivation: Schöpfen statt funktionieren. Malte beschreibt drei grundlegende Motivationstypen – Macht, Anschlussorientierung und Werkstolz. Für ihn ist Werkstolz die entscheidende Triebkraft: Er fotografiert, schreibt, komponiert, entwickelt Produkte – weil er gestalten und erschaffen will. In Konzernumfeldern begegnet ihm Werkstolz immer seltener; stattdessen dominieren Ego, Machtstrukturen und Angst. Wer seine eigene Grundmotivation kennt, kann gezielt Umfelder suchen, in denen er aufblüht – und Umfelder meiden, die ihn auslaugen.
  • Radikale Akzeptanz: Loslassen statt kämpfen. Stress entsteht fast immer dort, wo persönliche Erwartungen nicht erfüllt werden. Malte hat gelernt, Situationen radikal zu akzeptieren – also das Ego in den Hintergrund zu stellen und das anzunehmen, was ist. Das gilt auch für das Scheitern: Aus Projekten rausgeflogen zu sein bedeutet nicht, schlecht zu sein. Es bedeutet, dass die Passung nicht stimmte. Wer radikale Akzeptanz übt, spart enorme Energie – und schafft Raum für das, was wirklich passt.
  • Innerer Reichtum schlägt äußere Statussymbole. Erlebnisse, Erfahrungen und persönliches Wachstum sind ein Schatz, den niemand wegnehmen kann – er wiegt null Gramm und verzinst sich über die Zeit. Gegenstände und Statussymbole hingegen sind Mittel zum Zweck, nie Endziel. Wer glücklich ist, kauft nicht – diesen Satz von Gerald Hüther findet Malte genial. Der Weg dahin führt über Gelassenheit, das Aushalten von Langweile, das Loslassen von Mangelbewusstsein – und die bewusste Entscheidung, mit dem zufrieden zu sein, was man ist.

Kapitel

00:00Intro: Zwischen Konzern und Weltreise
Patrick stellt die Folge vor: New Work aus einer persönlichen, erfahrungsreichen Perspektive – mit Malte Clavin als Gast. Themen: Freiheit in der Arbeit, Werkstolz, Haltung, Werte und Innovation.

02:09Wer ist Malte Clavin?
Niels und Malte kennen sich seit über 30 Jahren. Malte stellt sich vor: Reisejournalist, Fotograf, Fotoreisen-Guide und digitaler Produktentwickler – und beschreibt, wie sich dieses Lebensmodell über 20 Jahre entwickelt hat.

07:28Wie alles begann: Vom Konzernberater zum Reisejournalisten
1999, Rhode Island, eine Schwangerschaft – und der Beginn einer langen inneren Reise. Malte erzählt, wie er sich langsam mit seinen verschiedenen Rollen versöhnt und seinen eigenen Weg gefunden hat.

12:18Gifti und die innere Stimme
Gifti – der innere Kobold – meldet sich lautstark, sobald eine schöne Idee auftaucht. Malte erklärt, warum der erste Impuls immer zählt und wie man Gifti zum Schweigen bringt.

16:18Das innere Parlament: Sicherheits-Malte vs. Kreativ-Malte
Malte beschreibt sein persönliches Modell der Selbstführung: zwei innere Stimmen, die beide eine positive Absicht haben – und ein Meta-Moderator, der beide ausbalanciert.

25:48Werkstolz: Warum Malte nicht nur Geld verdienen will
Zwischen Konzern und Kreativität: Malte erklärt, warum er Produktentwicklung nicht als Mittel zum Zweck sieht – und was Werkstolz mit echter Motivation zu tun hat.

30:10Radikale Akzeptanz: Loslassen als Stärke
Stress entsteht, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Malte beschreibt, wie radikale Akzeptanz – und das bewusste Loslassen des Egos – ihn stabiler und freier macht.

40:03Innovation in kleinen Teams: Deep Work, Scrum und Flow
Die besten Ergebnisse entstehen in Kreativteams von zwei bis drei Personen. Malte beschreibt seinen Arbeitsansatz: Deep Work, kurze Abstimmungszyklen und regelmäßige Stakeholder-Termine mit fertigen Ergebnissen.

51:08Warum agile Transformationen scheitern
Agile Methoden als Medikament? Malte erklärt, warum die meisten agilen Transformationen scheitern – und was wirklich hilft: Zuhören, Betroffene beteiligen, und die reine Lehre konsequent umsetzen.

01:12:14Mangelbewusstsein und innerer Reichtum
Werbung funktioniert nur durch künstlichen Mangel. Malte plädiert für Gelassenheit, das Aushalten von Langeweile und die Erkenntnis: Es braucht nichts, um glücklich zu sein – außer der Entscheidung, es zu sein.

01:18:03Wandel: Gesellschaft, Generationen und Klimabewusstsein
Maltes Tochter Amelie verbrachte zwei Monate als Freiwillige in einem buddhistischen Kloster in Burma. Ein Gespräch über gesellschaftlichen Wandel, neue Rollenbilder – und was Malte auf seiner Grönland-Expedition über den Klimawandel erlebt hat.

01:31:38Mentale Modelle und die Angst vor den 2 %
Das größte Problem mentaler Modelle: Wir wissen nicht, dass wir sie haben. Malte und Niels diskutieren, warum Menschen lieber auf der sicheren Bank sitzen – und was das für Innovation und Veränderung bedeutet.

01:35:38Ausblick: Lappland und die Adventure Travel Conference
Nächste Woche geht es nach Schweden: fünf Tage Wandern in Lappland, danach eine internationale Abenteurer-Konferenz.

Transkript

[00:00] Niels: Think Twice – der Podcast über Innovationen, Werte und Wandel.

[00:15] Patrick: Herzlich willkommen zur fünften Episode von Think Twice. Diesmal sind wir wieder draußen mit einem besonderen Gast: Malte Clavin. Niels und Malte kennen sich schon sehr lange – das werden sie gleich selbst erzählen. Worum es geht: New Work aus einer sehr persönlichen, erfahrungsreichen Perspektive. Ein paar Stichworte: Freiheiten in der Arbeit, Werkstolz – ein Begriff, der mir vorher noch nie so geläufig war –, Haltung, Werte und die Frage, in welchen Teams man eigentlich arbeiten sollte, um wirklich innovativ zu sein. Ich freue mich sehr auf dieses Gespräch. Ich gebe ab an Niels.

[02:09] Niels: Hallo Malte.

[02:11] Malte: Hi, grüß dich.

[02:12] Niels: Malte und ich kennen uns jetzt schon über 30 Jahre – wir sind zusammen zur Schule gegangen. Was wir damals alles erlebt haben, behalten wir für uns. Das wird ein Extra-Podcast. Den müssten wir bei Apple dann wohl als explizit kennzeichnen.

Warum sitzt Malte hier am Mikrofon? Weil wir seit 30 Jahren immer regen Austausch pflegen. Als ich ihn endlich erreichte, war er gerade in der Schweiz. Eine Woche später: Südafrika. Vorher: Jordanien. Danach: Italien privat, dann wieder Schweiz geschäftlich. Dann zurück – und direkt eine Kanada-Grönland-Reise. Nächste Woche ist er schon wieder in Schweden. Deshalb das relativ kurze Zeitfenster, das wir uns gerade genommen haben.

Ich erinnere mich an einen Anruf aus dem Jahr 1999: Malte rief an und sagte, er müsse jetzt sesshaft werden, Verantwortung übernehmen – er werde Vater. Ein paar Jahre später: Du, Nils, wir machen jetzt eine Weltreise mit Kind. Und dann war er wieder ein paar Monate in Asien unterwegs. Der Podcast-Titel sagt es: zwischen Konzern und Weltreise. Ungefähr ein halbes Jahr im Jahr ist Malte digitaler Produktentwickler in Konzernen, entwickelt neue Services in agilen Umfeldern als Product Owner. Malte, habe ich das so richtig zusammengefasst?

[04:53] Malte: Wunderbar gemacht, Niels. Ja, auf der einen Seite bin ich Reisejournalist – ich bin einen großen Teil des Jahres unterwegs und verfasse Reportagen über Themen, die mich persönlich interessieren. Diese Freiheit habe ich mir erarbeitet. Die Artikel erscheinen in deutschen und schweizer Reisemagazinen, vier bis fünf Stück pro Jahr.

Dann bin ich als Fotograf tätig und führe geführte Fotoreisen durch, die ich selbst konzipiert habe – überwiegend nach Burma, wo ich 13-mal war, und Sri Lanka, wo ich zusammengerechnet sechs Monate verbracht habe. Meine Frau begleitet mich dabei und kümmert sich um die Gästebetreuung. Wir zeigen einer kleinen Gruppe von Fotoenthusiasten das Land und helfen ihnen, sich fotografisch und persönlich weiterzuentwickeln.

In der verbleibenden Zeit bin ich als Freelancer in verschiedenen Digitalprojekten aktiv – seit über 20 Jahren. Meine Lieblingsdomäne ist die digitale Produktentwicklung: neue Services und Software entwickeln, in Rollen wie dem Product Owner. Daneben gibt es noch ein paar Kapriolen – kleine Spielfelder, die ich mit meinem Blumenkasten auf dem Balkon vergleiche: manche Triebe werden stärker, andere wollen einfach nicht so recht wachsen. Aber ich brauche diese Sandkiste. Ohne sie funktioniere ich seelisch nicht.

[07:28] Niels: Als du damals anriefst, warst du gerade in Paris und hast Le Figaro ins Netz gebracht. Ich war sehr neidisch auf dieses große Internetprojekt. Wenn du das alles so erzählst, klingt es so normal – als könnte man einfach mit dem Finger schnippen und sagen: jetzt mache ich das ein halbes Jahr so, dann das. Aber so war es sicherlich nicht. Wie hat sich das entwickelt?

[07:58] Malte: Das klingt wahrscheinlich deswegen normal, weil es jetzt meine Lebensrealität ist. Aber es hat gute 20 Jahre gebraucht, genau dahin zu kommen – sich mit vielen Dingen zu versöhnen, enorm viel zu lernen und für sich zu begreifen: Wo will ich eigentlich hin?

Das schöne Beispiel 1999: Ich war noch in Amerika, in einem Projekt in Rhode Island. Meine damalige Freundin und heutige Frau eröffnete mir, dass sie schwanger ist. Ich bin erst mal aus allen Wolken gekippt. Aber gleichzeitig: Ich bin ganz weich gelandet, weil ich sofort wusste – das ist eine wahnsinnig tolle Frau, das Kind ist in guten Händen. Das war meine erste Impulsreaktion.

Nach Studienende im März 2000 bin ich dann innerhalb von zwei Wochen in drei komplett neue Rollen gerutscht: Am 24. Februar 2000 wurde meine Tochter Amelie geboren. Ich bin das erste Mal mit einer Frau zusammengezogen. Und ich habe mein Studium beendet. Wie Steve Jobs sagte: You connect the dots by looking backwards. Das ist mir erst Jahre später aufgefallen – damals habe ich einfach weitergemacht wie vorher. Und das hatte für mich grundweg positive Aspekte.

[10:32] Malte: Ich habe gelernt, dass wir bestimmte Weltbilder und Glaubenssätze in uns tragen – die meisten davon nicht aktiv gewählt, sondern passiv durch Nachahmung verinnerlicht. Man nennt das auch mentale Modelle. Ich dachte natürlich: Jetzt werde ich Vater, ziehe mit einer Frau zusammen, also muss ich den Versorger spielen. Das hat sich aber als gar nicht so zwingend herausgestellt. In Berlin hatte ich auch ein relativ liberales Umfeld. Und ich habe gelernt, auf diese innere Stimme zu achten, die einem täglich einflüstert, was richtig ist.

[12:18] Malte: Annette und ich hatten schon immer den Wunsch, zusammen zu reisen. Dann kam Amelie dazwischen – ein großartiges Erlebnis, das die ersten zwei, drei Jahre natürlich alles überschattet hat. Im besten Sinne. Bis der Reisewunsch dann wieder lauter wurde.

Und da haben wir festgestellt, dass wir noch ein viertes Familienmitglied haben: Gifti. Gifti ist der Kobold im Kopf, der jede schöne Idee sofort zum Erliegen bringt und einen mit Sorgen, Nöten und Ängsten infiziert. Als wir über eine Testreise nach Thailand nachdachten, war Gifti sehr laut: schreiende Kinder im Langstreckenflug, das Essen wird Amelie nicht schmecken. Und wir haben gesagt: Nein. Jetzt ist das uns wichtiger. Lass uns schauen, ob man Gifti nicht zum Schweigen bringen kann.

Ich glaube, fast jeder von uns hat diese Stimmen im Kopf, die immer alles in den Dreck ziehen und uns von irgendetwas abhalten wollen. Dahinter steckt eine positive Absicht – uns am Leben zu erhalten. Aber man darf nicht vergessen: Gifti ist immer nur ein Reagierender. Am Anfang steht immer ein schöner, frischer Impuls – und es gibt nur einen Menschen im ganzen Universum mit dieser inneren Stimme. Das ist man selbst. Alles andere ist immer nur eine Reaktion darauf.

Wir haben dieser Stimme dann Raum gegeben: vier Wochen Thailand, günstig und schön am Strand. Amelie hat das Essen geschmeckt, es ging ihr gut. Danach haben wir uns gesagt: Wenn wir schon nachdenken, können wir auch gleich größer denken. Und dann kam die sechsmonatige Reise.

[16:18] Niels: War es wirklich dieser innere Wunsch, der euch geleitet hat? Oder hattest du auch Vorbilder? Das Lebensmodell war ja damals – und ist heute noch – relativ abenteuerlich. Wir kommen beide aus einer Generation, in der die Eltern am liebsten gesehen hätten: sichere Ausbildung, Studium, ein Unternehmen, Karriere. Wie bist du zu dieser inneren Stimme gekommen?

[16:18] Malte: Ich kann nur für mich sprechen. Ich habe für mich eine ganz wichtige Feststellung gemacht und ein zentrales inneres Bild: mein inneres Team – mein inneres Parlament. Es besteht aus zwei Figuren: dem Sicherheits-Malte und dem Kreativ-Malte. Beide sind aktiv in mir. Beide wollen das Beste für mich. Aber ihre Ziele sind nicht immer kohärent. Und ich habe gelernt: Wenn einer zu viel Aufmerksamkeit bekommt, verkümmert der andere.

Daher gibt es noch einen dritten – den Meta-Malte, der über beiden steht und beide moderiert. Egal was ich fühle oder denke, es lässt sich fast alles auf diese beiden reduzieren. Und ich achte immer stark darauf, einen ausgeglichenen Mix zu finden.

Dieses Bild hat mir enorm geholfen, mich im Leben zurechtzufinden. Der Sicherheits-Malte ist repräsentiert durch meinen Vater, der Kreativ-Malte durch meinen ältesten Bruder Jens – der seit er 13, 14 ist Musik macht, sich für Philosophie interessiert, immer Bücher gelesen hat, von denen ich mich habe inspirieren lassen. Es gab natürlich Konflikte zwischen beiden – und die haben in mir weiterge lebt. Aber das Bild zu wissen: Es sind zwei Maltes in mir, beide mit positiver Absicht, und die Frage lautet nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch – das ist mir vor 10 bis 15 Jahren in einem Coaching klar geworden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wann immer ich eine innere Unruhe spüre, schaue ich: Wer hat gerade die Stimme? Dann kann ich das schnell verorten. Und dann überlege ich: Vielleicht machst du jetzt mal keine Reisen mehr und denkst mehr ans Geldverdienen – oder umgekehrt. Das ist mein innerer Cocktail, den ich mir in den letzten Jahren zurechtgelegt habe, sodass auch innen Frieden herrscht.

[19:47] Niels: Welche Rolle spielten äußere Erwartungen – gesellschaftliche Bullshit-Rules?

[19:47] Malte: Als ich aus Lüneburg weggezogen bin, war die soziale Kontrolle hinfällig. Ich habe mich davon gelöst, weil ich gemerkt habe: Das spielt keine Rolle mehr. Mein Weg bestand darin, für mich den richtigen Weg zu finden – nicht darum, was Leute denken, die ich nicht kenne.

Es gab natürlich Menschen, die mich stark inspiriert haben – Rüdiger Nehberg, Reinhold Messner, ein paar Musiker, ein paar Fotografen. Aber nicht mehr als zehn. Ich habe mich an ihrer Arbeitsweise orientiert, aber ich habe nicht angefangen, sie zu kopieren – weil es sie ja schon gibt. Die Reise war eher eine ins Innere: Welche weißen Flecken sind auf meiner inneren Weltkarte – und wie komme ich dahin?

Ich habe davon geträumt, Fotoreportagen machen zu können. Irgendwann ertappte ich mich, wie ich wieder nach Burma gefahren bin – weil das Land gerufen hat. Ich habe mir einfach so getan, als hätte ich einen Auftrag von Geo bekommen, das Land zu porträtieren. Mir einen burmesischen Assistenten gesucht, alles fotografiert wie ein Profi. Aus diesen Bildern ist tatsächlich meine erste Geo-Geschichte entstanden. Dahinter steckt die Idee von Fake it until you make it – konsequent bei seiner Sache bleiben, Rückschläge hinnehmen, daraus lernen, weitermachen. Das ist ein universelles Gesetz.

[25:48] Niels: Wie passen Konzernarbeit und Abenteuer zusammen? Ist die digitale Produktentwicklung nur Mittel zum Zweck?

[25:48] Malte: Nein, ist es nicht. Ich habe als Grundmotivation etwas, das ich Werkstolz nenne. Es gibt drei Grundmotivationen, die ich im MBA gelernt habe: Macht – vollkommen egal für mich. Anschlussorientierung – geht so. Und Werkstolz: Ich tue gerne Dinge. Ich fotografiere, schreibe Artikel, ich schöpfe gerne, ich komponiere Musik. Das sind Umfelder, in denen ich mich wohlfühle. Und genauso ist es bei der digitalen Produktentwicklung.

Wenn ich Freiraum bekomme, in dem ich gestalten kann – etwas bauen, etwas ins Leben bringen, sei es ein Text, ein Konzept, eine Website –, dann bin ich im richtigen Nährboden. Ich leide nur dann darunter, wenn man mich als Ressource ansieht, die man von A nach B shiften kann. Menschen sollte man immer als Menschen betrachten. Aber in verschiedenen Konzernen habe ich eine Zweiklassengesellschaft kennengelernt – zwischen Angestellten und Beratern. Das halte ich grundsätzlich für falsch.

[30:10] Malte: Was das Thema Freiheit angeht: Ich weiß, an der Aufgabe gibt es nicht immer viel zu rütteln. Aber das Wie liegt bei mir. Ich bringe meine eigenen Tools und meine Kenntnisse mit. Ich empfinde persönlich wenig Stress, weil ich gelernt habe: Stress entsteht fast immer, wenn persönliche Erwartungen nicht erfüllt werden. Ich habe gelernt, Situationen radikal zu akzeptieren. Wenn ich das tue, gibt es keinen Grund für Stress.

Ich bin auch schon aus Projekten rausgeflogen – ehrlich gesagt. Und es macht mir immer weniger aus. Weil ich zwei Handvoll exzellenter Referenzen habe, von Projekten, in denen es wirklich gepasst hat. Ich bin nicht schlecht, nur weil es mal nicht gepasst hat. Die Passung war schlicht nicht da. So ist das Leben. Das Thema Glück und Zufall spielt eine substanzielle Rolle – und das macht uns Angst, weil wir es nicht kontrollieren können. Sich dessen bewusst zu sein, halte ich für sehr wichtig.

[31:49] Malte: Körperliche Fitness ist dabei ein wichtiges Thema. Ich glaube, die Trennung in Körper, Geist und Seele ist eine rein konzeptuelle – eine typische Ego-Trennung. Ich versuche, mich als Einheit zu begreifen und in allen drei Bereichen zu trainieren. Körperliche Fitness verbessert meine geistige Fitness und meine Ausdauer. Ob ich nun 20 km durch die Savanne in Südafrika marschiere oder Überstunden in einem Projekt mache – es geht darum, den Körper nicht zum limitierenden Faktor werden zu lassen.

Dazu gehört auch: regelmäßig über selbstgesteckte Grenzen hinausgehen, versteckte Weltbilder in sich aufspüren, immer wieder auf die innere Stimme hören. Beim Eistraining in Polen zum Beispiel dachte ich zuerst: Das schaffe ich nie. Aber dann: Es ist menschenmöglich. Wenn es Menschen möglich ist, ist es auch für mich möglich. Und dann fängt es an zu kribbeln. Und wenn es kribbelt, ist es genau das Richtige. Ich habe mich einem fünftägigen Eistraining unterzogen – mit vier Eisbädern an einem Abend. Das sind Werkzeuge, die mir in allen Tätigkeiten und im gesamten Leben helfen, scheinbar schwierige Situationen in den Griff zu bekommen.

[40:03] Niels: Inwiefern hilft dir diese Haltung in Innovationsprojekten? Kommt ihr in andere Prozesse, in einen Flow?

[40:57] Malte: Ich gebe dir ein Beispiel. Aus dem letzten Projekt hatte ich einen fachlich exzellenten Ansprechpartner – menschlich war es okay. Das Ergebnis war gut, aber mühselig. Dann kam ich vorzeitig raus. Und genau dann kam das Schweizer Projekt – das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich im anderen geblieben wäre.

Dort haben wir in einem Zweierteam gearbeitet. Es hat unglaublichen Spaß gemacht, weil wir uns persönlich gut ergänzt und gemocht haben. Jeder hat mehr als seinen erforderlichen Teil beigetragen. Fachlich habe ich in diesem Projekt auch enorm viel gelernt – es ging um Finanzen und Börsendaten. Eine Konstellation, die weit über das Fachliche hinausging. Das war der Erfolg: Wir haben uns einfach menschlich gemocht.

[44:26] Malte: Ich habe die besten Erfahrungen in Kreativteams von zwei bis drei Leuten gemacht. Alle im Raum, gemeinsam brüten, Wireframes skizzieren, ein Grobkonzept schnell an die Wand bringen. Dann Aufgaben verteilen und im Deep-Work-Modus arbeiten – mindestens eine Stunde komplett abgeschirmt, Telefon aus, Kopfhörer auf, ruhig und konzentriert. Danach zehn Minuten Pause. Zwei- bis dreimal am Tag Ergebnisse abgleichen. Zweimal pro Woche Termine mit Stakeholdern – aber immer mit einem fertigen Ergebnis, über das man diskutieren kann.

Ich hasse es, im luftleeren Raum zu diskutieren. Ich brauche immer ein konkretes Ding: eine Spezifikation, ein Layout, einen Screen. So kann man Termine schnell zum Ergebnis führen. Genau so haben wir in der Schweiz gearbeitet. Es hat einfach großartig funktioniert.

[51:08] Malte: Agile Transformationen scheitern meistens daran, dass man diejenigen, die am unzufriedensten sind, nicht befragt. Man denkt, man könne die Mitarbeiter mit einem neuen Tool therapieren. Das halte ich für Quatsch. Es ist anstrengend zuzuhören und herauszufinden, warum etwas nicht funktioniert. Aber genau das ist der Weg.

Eine Freundin hat in einem Unternehmen eine Mitarbeiterbefragung gemacht – mit dem Ergebnis, dass viele sich krankschreiben ließen, wenn das Kind krank war, weil es keine andere Regelung gab. Als man das änderte, sank der Krankenstand von 21 auf 9 Prozent – innerhalb von zwei Wochen. Die Lösung muss immer bei denen gesucht werden, die am meisten betroffen sind.

[53:54] Niels: Was war deine größte innere Hürde beim Umstieg von Wasserfall auf agil – und was würdest du Entscheidern raten?

[53:54] Malte: Das Schreiben von User Stories sensibilisiert ungemein dafür, was man wirklich haben möchte – und für welche Rolle das wichtig ist. Man muss sich die Mühe machen, Akzeptanzkriterien klar zu formulieren. Die meisten tun das nicht, weil es anstrengend ist. Aber genau hier entstehen die meisten Konflikte: Man hat über dieselbe Sache völlig unterschiedliche Vorstellungen.

Jede User Story wird im Sprint Planning vorgelesen. Alle müssen sie verstehen. Wenn jemand Fragen hat, ist das ausdrücklich erwünscht. Und der Product Owner hat noch Zeit, sie zu überarbeiten. Das klingt aufwendig – ist aber das wirksamste Werkzeug, das ich kenne, um Missverständnisse auszumerzen. Meine User Stories waren am Anfang furchtbar – weil ich dachte, alles sei glasklar. Acht Leute mit Fragezeichen über dem Kopf haben mich eines Besseren belehrt. Daraus lernt man schnell.

[01:12:14] Malte: Sehr viele Menschen leben unter einem Mangelbewusstsein. Sie denken, sie müssten besser, größer, schneller werden. Werbung funktioniert immer nur, indem sie dir sagst: Du bist so, wie du bist, nicht OK. Gerald Hüther hat einen großartigen Satz: Wer glücklich ist, kauft nicht. Das ist genial. Ich bin selbst nicht frei davon – aber ich halte es für wichtig, nach innen zu schauen und sich auch mal für okay zu befinden, so wie man gerade ist.

Es braucht nichts, um glücklich zu sein. Das Wichtige ist, diese Entscheidung zu treffen. Und dazu gehört auch: sich erlauben, sich zwei, drei Stunden zu langweilen. Nicht immer irgendetwas müssen. Weg vom Mangeldenken. Das sind oft östliche Qualitäten – aber ich beobachte, dass sie mehr und mehr in unser Leben kommen. Als ich vor 30 Jahren angefangen habe zu meditieren, war das die absolute Ausnahme. Heute ist es Titelthema im Manager Magazin. Es gibt über 1.000 Studien zur positiven Wirkung von Meditation. Das halte ich für eine großartige Entwicklung.

Die große Kunst liegt in der Konsistenz: Sich nicht zu viel vornehmen, damit das Gehirn nicht anfängt, einem Stöcke zwischen die Beine zu schmeißen. Mit einer Minute Schreiben am Tag anfangen. Mit einem Liegestütz. Mit einer Minute Meditation. Langsam, kontinuierlich, achtsam – das ist der richtige Weg.

[01:18:03] Niels: Siehst du gesellschaftlichen Wandel – auch bei deinen Kindern?

[01:18:03] Malte: Ja, ich sehe ihn deutlich. Meine große Tochter Amelie hat von Januar bis Mai eine Reise gemacht: Die ersten zwei Monate verbrachte sie als Freiwillige in einem buddhistischen Kloster in Burma – ohne fließendes Wasser, mit Eimer und Schöpfkelle. Danach wusste sie: Sie kann mit Kindern, sie möchte Grundschullehrerin werden. Sie hat jetzt einen Studienplatz für Grundschullehramt Deutsch und Mathematik. Das hat sich ganz konsequent aus ihr selbst heraus entwickelt. Wir haben immer darauf geachtet, ihre Antennen zu bespielen – ohne ihr einen Weg vorzuschreiben.

Auf meiner letzten Reise nach Grönland – eine Schiffsreise der Royal Canadian Geographic Society, halb Forschung, halb Kreuzfahrt – war ich mit 20 Wissenschaftlern an Bord: Ornithologen, ein Glaziologe, Forscher, die Wasserproben an denselben Stellen wie in den Vorjahren entnommen haben. Was ich dort gesehen habe, lässt sich nicht mehr leugnen: Die Rücknahme des grönländischen Inlandeises und der Gletscher hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen – überproportional im Vergleich zu allen historischen Vergleichsdaten. Ich habe keine endgültige Antwort auf dieses Problem. Die Möglichkeit, die ich habe, ist, es in meine Artikel einfließen zu lassen.

[01:31:38] Malte: Das große Problem mentaler Modelle ist nicht, dass wir welche haben. Das Problem ist, dass wir gar nicht wissen, dass wir welche haben. Daniel Kahnemann hat festgestellt: Wenn eine 98-prozentige Chance auf Erfolg besteht, aber gleichzeitig eine 2-prozentige Chance auf soziale Isolation – dann entscheiden sich Menschen gegen den Schritt. Verluste vermeiden ist tiefer in uns verankert als Erfolge herzustellen. Das ist ein riesiges Weltbild, aus dem viele Menschen einfach nicht herausfinden.

Soziale Isolation bedeutete in der Steinzeit den Hungertod. Heute bedeutet es im schlimmsten Fall, sich kurz lächerlich zu machen – und dann geht das Leben weiter. Aber so ticken wir nicht. Wir laufen noch auf uralter Software. Daher ist es so wichtig, neue Formate zu lernen, sich über die dahinter liegenden Chancen bewusst zu werden – und diese Chancen ins eigene Relevance Set einzubrennen, sodass man sich in entscheidenden Momenten für die 2 Prozent entscheidet.

[01:35:38] Niels: Lieber Malte, ich danke dir. Wo geht es als nächstes hin?

[01:35:38] Malte: Nächste Woche geht es nach Schweden – fünf Tage wandern in Lappland, einem Weltnaturerbe. Danach gibt es eine Konferenz der Adventure Travel Trade Association: drei Tage lang Geschichten und Ideen austauschen mit Tourism Boards und Touranbietern aus Schweden und dem Umland.

[01:36:03] Patrick: Vielen Dank, ihr beiden, für das extrem inspirierende Gespräch. Man kriegt sofort Lust, in die Ferne zu reisen. Und gleichzeitig ist es sehr inspirierend zu sehen: Es gibt einen Weg aus dem Hamsterrad. Man sollte auf sich hören, auf seine Bedürfnisse – und dann schauen, was man verändern kann, wie man sich seine Nische sucht, wie man aus der Komfortzone herauskommt. Den Begriff Werkstolz werde ich als Erinnerungsstück mit mir tragen. Ich hoffe, euch hat es gefallen und ihr habt die eine oder andere Inspiration mitgenommen. Wer uns mag: Weiterempfehlen, Bewertung hinterlassen, abonnieren – auf Spotify, Soundcloud und allen gängigen Plattformen. Auf ganz bald!

[01:38:17] Malte: Macht’s gut.

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