„Unsere Kinder bestimmen das Tempo“

Interview auf GEO.de: Fünf Monate Sri Lanka mit Kindern

Ella: Die ersten Kilometer unserer Familienwanderung auf den Ella Rock führen entlang einer selten befahrenen Bahnstrecke. Sogar Smilla läuft ein paar Hundert Meter, ansonsten darf sie im Tragegestell auf Papas Rücken alles beobachten.
Ella: Die ersten Kilometer unserer Familienwanderung auf den Ella Rock führen entlang einer selten befahrenen Bahnstrecke. Sogar Smilla läuft ein paar Hundert Meter, ansonsten darf sie im Tragegestell auf Papas Rücken alles beobachten.

Eine Fernreise mit kleinen Kindern klingt anstrengend und riskant. Malte und Annette Clavin wagten es trotzdem: Fünf Monate reisten sie mit Amelie (10) und Smilla (18 Monate) durch Sri Lanka. Im GEO.de-Interview erzählt Malte vom Familien-Abenteuer.

Erschienen in:

Deutschlands größtes Naturreise-Magazin
12 Seiten | Text & Fotos

GEO.de: Sie sind bereits zum zweiten Mal mit der Familie auf großer Reise. Würde es nicht reichen, einfach Urlaub an der Ostsee zu machen?

Malte Clavin: Urlaub an der Ostsee ist eine hervorragende Sache. Als wir selbst Kinder waren, haben wir dort Wochen mit unseren Eltern verbracht.

„Die Neugier nach ‚Andersland‘ ist stark angewachsen.“

Allerdings haben ferne Länder einfach eine größere Anziehungskraft auf uns.

Die Neugier nach „Andersland“, wie wir es nennen, ist nach fast drei Jahren in Deutschland stark angewachsen.

Ella: Die ersten Kilometer unserer Familienwanderung auf den Ella Rock führen entlang einer selten befahrenen Bahnstrecke. Sogar Smilla läuft ein paar Hundert Meter, ansonsten darf sie im Tragegestell auf Papas Rücken alles beobachten.

GEO.de: Musste das Ziel möglichst weit weg sein?

Malte Clavin: Ferne Länder sind oft viel kontrastreicher als die Heimat.

An diesen Kontrasten wollen wir uns reiben und experimentieren, wie weit wir gehen wollen.

Schaffen wir mit der Kindertrage diesen Berg? Fasse ich jetzt dieses Tier an? Wollen wir das wirklich essen?

„Dabei geht es um Mut und um das Abenteuer.“

Außerdem verströmen ferne Länder einfach dieses magische Flair, und dann ist unsere Entdeckerlust nicht mehr zu halten.

Reisen bieten tolle Gelegenheiten für kleine und etwas größere Mutproben: Hier lässt Annette einen Tausendfüßler über ihren Unterarm spazieren.

GEO.de: Wenn man mit Kindern reist, muss man viel planen. Wie viel gibt es auf so einer durchorganisierten Reise denn noch zu entdecken?

Malte Clavin: Wir lassen uns gern überraschen.

Jeder Reisende hat ja eine bestimmte Vorstellung vom Zielland.Wenn diese Bilder dann mit dem tatsächlichen Erlebnis übereinstimmen, wird es langweilig.

„Deshalb ist es für uns wichtig, nicht zu viel zu planen.“

Je mehr wir uns treiben lassen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für Überraschungen.

 

Auf dem Weg von Colombo nach Kandy.

Malte Clavin: Neulich bin ich einfach mal mit Smilla aus dem Hotel spaziert.

Direkt neben dem Hotel führte ein schmaler Pfad zu einer kleinen Siedlung. Wir wurden auf Kokosnussmilch eingeladen und haben den Bewohnern bei der Ernte zugeschaut.

 

Smilla ließ sich geduldig von Hütte zu Hütte tragen und bestaunen.

Es war ergreifend zu sehen, wie sich die Srilanker über Smilla freuen konnten.

Mirissa, am Strand: Smilla flirtet mit den Srilankern. (Photo by Erik Tolman)

GEO.de: Was ist der große Unterschied zu einer Backpackerreise allein und der Weltreise mit Kindern?

Malte Clavin: Die Vorbereitung einer Reise mit Kindern ist sehr zeitintensiv.

Man muss sich zum Beispiel fragen: Sind das Reiseland, das Klima und die Unterkunft für die Kinder in Ordnung?

Wollen wir unseren Kindern die Impfungen zumuten? Welchen Kindersitz nehmen wir mit? Wie bekomme ich unterwegs die Schnuller desinfiziert?

Man muss an alles denken.

 

Arugam Bay: Smilla hat sich selbst zum Mittagsschlaf in ihren Autositz gelegt, wir haben dann den Sitz unter das Moskitonetz verfrachtet.

GEO.de: Was war bei der Planung die größte Herausforderung?

Malte Clavin: Wir haben lange überlegt, wie wir die Kinder vor möglichen Krankheiten schützen können.

Deswegen haben wir mehrere Beratungs- und Impftermine bei einer Tropenärztin in Anspruch genommen.

Die fünfmonatige Schulbefreiung Amelies vor unserer Sri Lanka Reise stellte übrigens kein Problem dar.

Die Lehrer sahen den längeren Auslandaufenthalt als große Chance und außergewöhnliche Lerngelegenheit.

Unawatuna: Zu zweit Lernen macht sowieso viel mehr Spaß.

GEO.de: Als es dann endlich losging, wie haben Sie als Eltern die Reise erlebt?

Malte Clavin: Wir sind nicht mehr so flexibel wie damals, als wir nur für uns selbst verantwortlich waren.

Auch die Risikobereitschaft ist deutlich geringer. Es geht nicht mehr darum, in kürzester Zeit möglichst viel zu sehen.

Unsere Kinder bestimmen das Tempo, sie stehen bei jeder Entscheidung im Vordergrund.

Dafür erleben wir die Reisen viel intensiver, haben viel mehr Zeit ins alltägliche Geschehen des Landes einzublicken.

Smilla begeistert die Arbeiterinnen in einer Teefabrik.

GEO.de: Und wie empfanden Ihre Kinder die Reise – als großes Abenteuer oder als anstrengende Tour?

Malte Clavin: Definitiv als großes Abenteuer. Jeder Tag bringt für unsere Kleinen neue Eindrücke.

Da wir uns an das Tempo unserer Kinder halten, gab es bisher keine Probleme. Wir reisen nie länger als drei bis vier Stunden, möglichst im klimatisierten Fahrzeug.

Nach einem Reisetag legen wir zwei bis sieben Tage Pause ein.

Vor Ort gibt es immer etwas Interessantes für die Kinder zu sehen oder zu tun: Wandern, Baden, Muscheln sammeln, Ruinen bestaunen, Tiere beobachten, Hotelzimmer erkunden oder junge Kokosnüsse schälen.

Kosgoda, Schildkröten-Aufzuchtstation. Dies ist eines meiner Lieblingsbilder. Denn in Amelies Gesicht vermischen sich Faszination und Vorsicht. „Oooh, wie süß!“ und „Uuuh, glitschiges Ding!“ Nach etwas Überwindung traut sie sich, sie anzufassen. Wieder ist sie ein Stückchen über sich hinaus gewachsen.

GEO.de: Ist Ihnen unterwegs schon mal etwas passiert, was ohne Ihre Kinder nicht so geschehen wäre?

Malte Clavin: Gerade Smilla ist ein Tür- und Herzensöffner.

So serviert man uns auch mal außerhalb der Restaurantzeiten etwas oder die Kinder bekommen Sachen geschenkt, ohne dass eine Gegenleistung erwartet wird.

Mehrmals wurden wir schon zu Einheimischen nach Hause eingeladen, und am Flughafen lässt man uns an der Warteschlange vorbeiziehen.

Es ist wirklich erstaunlich – und das haben wir so noch in keinem anderen Land erlebt – egal, wo wir hingehen, mit Smilla waren wir fast immer im Mittelpunkt.

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